Ästhetik als Vermittlung

Arbeitsbiographie eines Generalisten

Ästhetik als Vermittlung | Umschlag
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Was können heute Künstler, Philosophen, Literaten und Wissenschaftler für ihre Mitmenschen leisten? Unbestritten können sie einzelne, für das Alltagsleben bedeutsame Erfindungen, Gedanken und Werke schaffen. Aber die Vielzahl dieser einzelnen bedeutsamen Werke stellt heute gerade ein entscheidendes Problem dar: Wie soll man mit der Vielzahl fertig werden?

Das Publikum verlangt zu Recht, daß man ihm nicht nur Einzelresultate vorsetzt, sondern beispielhaft vorführt, wie denn ein Einzelner noch den Anforderungen von Berufs- und Privatleben in so unterschiedlichen Problemstellungen wie Mode und Erziehung, Umweltgestaltung und Werbung, Tod und Geschichtsbewußtsein, Kunstgenuß und politischer Forderung gerecht werden kann, ohne als Subjekt, als Persönlichkeit hinter den Einzelproblemen zu verschwinden.

Bazon Brock gehört zu denjenigen, die nachhaltig versuchen, diesen Anspruch des Subjekts, den Anspruch der Persönlichkeit vor den angeblich so übermächtigen Institutionen, gesellschaftlichen Strukturen, historischen Entwicklungstendenzen in seinem Werk und seinem öffentlichen Wirken aufrechtzuerhalten. Dieser Anspruch auf Beispielhaftigkeit eines Einzelnen in Werk und Wirken ist nicht zu verwechseln mit narzißtischer Selbstbespiegelung. Denn:

  1. Auch objektives Wissen kann nur durch einzelne Subjekte vermittelt werden.
  2. Die integrative Kraft des exemplarischen Subjekts zeigt sich in der Fähigkeit, Lebensformen anzubieten, d.h. denkend und gestaltend den Anspruch des Subjekts auf einen Lebenszusammenhang durchzusetzen.

Die Bedeutung der Ästhetik für das Alltagsleben nimmt rapide zu. Wo früher Ästhetik eine Spezialdisziplin für Fachleute war, berufen sich heute selbst Kommunalpolitiker, Bürgerinitiativen, Kindergärtner und Zukunftsplaner auf Konzepte der Ästhetik. Deshalb sieht Bazon Brock das Hauptproblem der Ästhetik heute nicht mehr in der Entwicklung von ästhetischen Theorien, sondern in der fallweisen und problembezogenen Vermittlung ästhetischer Strategien. Diese Ästhetik des Alltagslebens will nicht mehr ‚Lehre von der Schönheit‘ sein, sondern will dazu anleiten, die Alltagswelt wahrnehmend zu erschließen. Eine solche Ästhetik zeigt, wie man an den Objekten der Alltagswelt und den über sie hergestellten menschlichen Beziehungen selber erschließen kann, was sonst nur in klugen Theorien der Wissenschaftler angeboten wird. Solche Ästhetik zielt bewußt auf Alternativen der alltäglichen Lebensgestaltung und Lebensführung, indem sie für Alltagsprobleme wie Fassadengestaltung, Wohnen, Festefeiern, Museumsbesuch, Reisen, Modeverhalten, Essen, Medienkonsum und Bildungserwerb vielfältige Denk- und Handlungsanleitungen gibt. Damit wird auch die fatale Unterscheidung zwischen Hochkultur und Trivialkultur, zwischen Schöpfung und Arbeit überwunden.

Seite im Original: 423

Band III.Teil 1.2 Die Wegwerfbewegung

– zur Verteidigung der Unkultur

Rede von einem Frankfurter Balkon und Sendung des Bayerischen Rundfunks, 1967. Das Thema wurde auch zum szenarischen Action-Teaching im selben Jahr in Hannover ausgebaut, auf dem erstmals reale Environments und Personen auf die Bühne und also in die ästhetische Praxis eingebracht wurden. (Band IV, Teil 3.4). Zum Wegwerfwissen vgl. auch die Button-Lyrik in ‚Mode und Körperdesign‘ (in diesem Band, Teil 3.5).

Das junge Mädchen öffnete ihr Gewand über ihrem Oberkörper. Sie streifte es über die Schultern, zog die Arme aus den engen Ärmeln, wobei sie diese Bewegung durch kurzes Schütteln des Oberkörpers verstärkte. Das grobe Leinenkleid hing jetzt unförmig an ihr herab, gehalten von einem Leibriemen. Das Mädchen stellte sich vor einen an der Wand hängenden versilberten Glasscherben, der ihr als Spiegel diente, und betrachtete ihre Brust. Dann nahm sie ein Brotmesser in die rechte Hand und begann, langsam einen Querstrich in ihre Brusthaut zu ritzen. An den Querstrich fügte sie einen Längsstrich, der am unteren Ende in einen nach links ausschlagenden Schnörkel überging. Sie setzte erneut an, einen anderen Buchstaben in ihre Haut zu schneiden, diesmal ein e. Weinend und auch schreiend, während ihr Blut ihr über die Hände spritzte, schnitt sie zwei weitere Buchstaben in ihre Brust.

Wir sind daran gewöhnt worden, solche Ungeheuerlichkeiten als die Folgen einer permanenten Konfrontierung mit den Machwerken der Massenkultur, der Unkultur unserer Tage zu erkennen.

Was schließlich sollte denn ein Junge, was ein Mädchen in den Jahren ihrer größten entwicklungsbedingten Labilität anderes tun, als mit den ihnen zum Vorbild gebotenen Schundheftchen in der Hand durch die Straßen zu toben, um selbst nachzuvollziehen, was ihre Helden ihnen beständig vortun. Da ist es nicht verwunderlich, wenn wir immer wieder davon hören, daß sich ein Junge, den Horrorcomic noch in der Hand, selbst entleibt habe, daß eine Horde von Halbstarken grausam sich vergangen habe an Alten und Schwachen, oder daß ein hübsches Mädchen aus gutem Hause Selbstverstümmelungen vornehme wie in dem oben geschilderten Fall.

Und dieser Fall ist authentisch. Das Mädchen hieß Christine EBNER. Von den Elaboraten der Massenkultur ihrer Zeit getrieben, beging sie die schreckliche Tat an sich selber. Und wurde dafür auch noch heilig gesprochen, im Jahre 1920. Denn sie war Nonne gewesen und die Buchstaben auf ihrer Brust bildeten den Namen Jesu. Unter dem beständigen Druck, in der ununterbrochenen Konfrontation mit den in Massen vertriebenen Glaubenssätzen ihrer Zeit, verlor sie die Kontrolle, zeigte sich in ihrer Tat das Versagen individueller und gesellschaftlicher Schutzvorrichtungen der Hochkultur ihrer Zeit gegenüber der Unkultur. Christine EBNER lebte von 1277 bis 1356 und leider waren die Ausdrucksmittel solcher Unkultur ihrer Tage fromme Traktate, Anleitungen zur unbedingten Seligkeit - die entgegen unseren heutigen zumeist mündlich verbreitet wurden und deren Illustrationen in der Gestik und Mimik oder auch im Tonfall des sie Verbreitenden bestanden.

Was Christine und was mit ihr zur damaligen Zeit Tausende taten, scheinen die Opfer unserer vielbeschriebenen Massenkultur genauso heute zu tun - wenn sie auch, statt den Namen Jesu sich in die Haut zu ritzen, den John LENNONs auf die Jacke schreiben. Ein übriges aber tat Christine, was die beklagten Opfer unserer Unkultur kaum jemals getan haben dürften: als die Narben, die den Namenszug auf ihrer Brust bildeten, mit der Zeit verschwanden, brannte sie mittels einer Kerze nun ein für allemal den für sie so verführerischen Namen sich in die Haut. Die angeblichen Opfer unserer Schreckensheftchen sind dagegen ganz gewiß gefeit, denn sie kämen nach wenigen Monaten schon in arge Bedrängnis, riskierten die Verachtung ihrer Kumpanen, müßten sich als altmodische Nichtwisser bezeichnen lassen, wenn sie etwa heute noch den Namen Elvis auf ihrer Haut zur Schau stellen würden.

Dies Beispiel mag vereinzelt erscheinen, aus der Denkwürdigkeitsliste der Historie herausgeklaubt, unbefriedigend für die Schreihälse gegen die angebliche Gefährdung Heutiger durch die Massenkultur. Sie geben sich mit einzelnen belegbaren Fällen ja nicht zufrieden, ihnen geht es ums Ganze. Sie wissen mit mächtigen Bekenntnissen aufzuwarten, etwa: von den Schreckenslaboratorien FRANKENSTEINs nach Auschwitz und Hiroshima ist ein kurzer Weg.

Nun, wir können uns mit dem Halben auch zufrieden geben, zumal uns dabei noch etwas übrigbleibt für die Kenntnisnahme von Tatbeständen, die wir nicht immer schon von vorneherein zu kennen vorgeben.

Wenn der Weg von FRANKENSTEIN nach Hiroshima nur kurz ist, wie lang war dann der Weg von der römischen Bürgertugend zu dem Nachmittag in Rom, als der aufgeklärte friedensvolle Herrscher TRAJAN zur Feier eines kleinen Sieges allein 10 000 Gladiatoren sich gegenseitig abschlachten ließ? Wie weit war der Weg von der Bibel bis nach Südfrankreich, wo die frommen Herren und Priester ein ganzes Volk in kürzester Zeit niedermachten?

Wir können aus vergangenen Tagen der reinen Hochkulturen auch weniger schauerliche Verirrungen anzeigen, literarische Hervorbringungen, die wir nicht als Schundheftchen zu bezeichnen willens sind und deren Einflußnahme auf die Mitlebenden sehr groß war, ohne daß sie den Verbreitungsgrad unserer Comics erreicht hätten? Etwa die Selbstmordwelle nach dem Erscheinen von GOETHEs Schauergeschichte 'Die Leiden des jungen Werther'? Die nachweisbare Auflage des Buches betrug einige hundert Stück. Massenkultur, weil die Folgen denen heutiger Praktiken zu vergleichen wären? Aber sie sind es nicht einmal. Keine soziologische Erhebung hat bisher in nachprüfbarer Weise solche Folgen unserer Massenkultur zutage fördern können. Im Vergleich zu den grauslichen Folgen der kulturellen Hervorbringungen anderer Zeiten, die solcher Redeweise zufolge keineswegs Ausdruck der Massenkultur gewesen sind; im Vergleich zu deren Folgen sind die der tatsächlich heute verbreiteten massenkulturellen Erscheinungsformen überhaupt nicht beschreibbar, weil ihre Zahl verschwindend klein ist.

Und das, obwohl unsere heutigen Möglichkeiten, Nachrichten allgemein zugänglich zu machen, unvergleichlich größer sind als zu früheren Zeiten. Dennoch gehen die beschreibbaren Fälle so grauslicher Folgen kultureller Hervorbringungen in früheren Zeiten ums Millionenfache über die sich heute ereignenden hinaus.
Mit dem nunmehr schon hysterisch zu nennenden Gezeter über die Folgen der Massenkultur scheint es bei näherer, wenn auch gleichermaßen ungenauer Betrachtung etwas anderes auf sich zu haben.

Ich will dieser Bewandtnis nachgehen. Nach Möglichkeit so, daß sich meine Argumentation nicht nur als eine entgegengesetzte Blindheit erweist, nur als eine Behauptung des Gegenteils zu dem, was das Gros der kulturkritischen Nebelwerfer uns vormacht. Es geht mir nicht so sehr um ihr Schicksal, sie erledigen ihren Fall selber durch Verjährung oder Überdruß oder auch durch korrigierende Einsichten. Mir soll es um die Frage gehen, wie lange wir es uns noch leisten können, unsere Gesellschaften, die westlichen entfalteten Industriegesellschaften, mit Hilfe von kritischen Techniken zu beschreiben, die zu Zeiten anderer gesellschaftlicher Gegebenheiten erarbeitet wurden und zweifellos mit großem Erfolg. Es geht um die Frage, ob wir es uns leisten können, gerade jenen Teil unseres Lebens in der Gesellschaft als kulturell unterbestimmt im Gewimmel der Massen untergehen zu lassen, in dem sich, wenn überhaupt, bezeichenbarer, erkennbarer Fortschritt ereignet; in dem das Neue als Erscheinung, wenn auch nur als Anschein qualitativ wird. Es geht um die Frage, wie weit wir solche Entwicklungsprozesse als nichtgewollte und nichtintendierte für fatale Realitäten halten, die wir scheinheilig als Druckmittel innerhalb der Herausbildung unserer gesellschaftlichen Interessen anwenden. Es geht also um die Frage, wie weit wir es uns leisten können, nicht verantwortlich zu sein für das, was da so laut bejammert wird.

Es geht um die Frage, ob nicht gerade die Lautstärke dieser Unmutsbekundungen ein Gradmesser für den Erfolg oder besser für die Richtigkeit dessen ist, was als heutiger Zustand unserer Gesellschaft in der Massenkultur angeprangert wird.
Dazu wäre nötig zu wissen, wer da anprangert, wer da schreit, die Errungenschaften der Mutterkultur, der Primärkultur, der Hochkultur gingen in der Massenkultur, der Unkultur unserer Tage vor die Hunde.
Die Tatsache, daß etwa auch GOETHE schon geschrien hat, besagt noch wenig. Vielleicht aber besagt das etwas, daß man zu allen Zeiten so geschrien hat, von den Tontafeln zu Ninive bis eben auch zu GOETHE. Aber wenn ein Löwe brüllt, kann das immerhin noch wie ein Donner klingen. Und was GOETHE am 8. Oktober 1786 in die Welt hinausposaunt, braucht durchaus nicht einsinnig verstanden zu werden. GOETHE ließ hören:

"Die Kunst, welche dem Alten seine Fußböden bereitete, dem Christen seine Kirchenhimmel wölbte, hat sich jetzt auf Dosen und Armbänder verkrümelt. Diese Zeiten sind schlechter, als man denkt."

Was sich auf "Dosen und Armbänder verkrümelt", wird zur Massenkultur. Das Grundmuster aller Lamentos ist hier sauber ausgeschrieben. Und dessen Fazit für alle Zeiten verbindlich formuliert: diese Zeiten sind schlechter als man denkt. Genauso endgültig sind demnach die gleichbleibenden Kurzsichtigkeiten und fast schon kriminell zu nennenden Irreleitungen der Adressaten solcher Meldungen, wenn sie nicht nur an die Gleichgesinnten gerichtet sind, mit denen man sich in wohligem Einverständnis weiß. Irreleitungen unvertretbarer Art sind sie wegen des Versuchs, sich bei anderen das Einverständnis zu erschleichen mit dem Hinweis auf Sanktionen und Belohnungen. Die Bestrafung ist die Etikettierung als Nicht-Eingeweihter, als Banause, der die schlechten Zeiten befördert. Die Belohnung besteht in der angebotenen Aufnahme ins Ritual der Wissenden. Die Kurzsichtigkeiten liegen darin zu meinen, das Kirchenfenster in Chartres gehöre zum ausweisbaren Bestandteil der damaligen Kultur, nicht die Tatsache, daß König LUDWIG I. und alle mit ihm ihre Hintern einfach über die Häusermauern hingen, um den Stoffwechsel zu vollziehen.

Und andererseits, wieso waren denn einst die bemalten Fußböden Ausdruck einer Hochkultur, wenn heute die bemalten Dosen Ausdruck der Massenkultur sein sollen? Nur wegen der Verkrümelung, nur wegen der Unerheblichkeit des Gegenstandes, wegen der Tatsache, daß sich der Anspruch solcher Kultur jetzt tatsächlich bis ins alltägliche Leben durchsetzt, also erreicht, annähernd erreicht, was sie immer zu erreichen vorgab, solange sie es nicht erreicht hatte?

Solche Auffassung ist, gelinde benotet, pervers, denn dann rechtfertigen sich die kulturellen Hervorbringungen in ihrer Fallhöhe nach der Höhe der Abfallhaufen, die bei ihrer Hervorbringung übrigbleiben. Dann wäre die Höhe einer Kultur zu messen an der Höhe der Leichenberge an ihrem Wege. 

Was im Frankreich des 16. und 17. Jahrhunderts geschah, läßt sich kaum anders beschreiben. Sollte das die Kultur Frankreichs gewesen sein, zwar das herrliche Versailles hervorgebracht zu haben, aber dabei das gesamte Land in ein verkümmertes, stinkendes, geplagtes Terrain verwandelt zu haben? Was war der große Sonnenkönig, der Hervorbringer einer Hochkultur und Kronzeuge des Kunstschönen anderes als ein Verhinderer der Massenkultur, ein elitärer Mensch, dem es um die Kultur ging in Versailles, nicht aber um die Nachttöpfe, weil die doch angeblich nicht zur Kultur gehören.

Nun ja, wir haben gelernt, solche Fälle auch anders, dialektisch zu betrachten. Es lohnt indes nicht die Mühe - denn nach aller Plackerei der Dialektiker, der genauen Hinseher, der scharfen Urteiler, sind die Hinweise auf den Tatbestand Unkultur immer die gleichen geblieben. Ja, nicht unerheblich sind gar die scharfen, dialektisch denkenden Geister selber in der Phalanx der kulturkritischen Einsprecher anzutreffen.

Also die schreien auch: die Soziologieprofessoren vom Schlage des MACDONALD, die dauernd ADORNO zitieren wie GOETHE die Alten. Das Gelächter der beteiligten Auswerter würden wir gerne miterleben, die die Lebensumgebung solcher elitärer Hochkulturler untersucht hätten: die Wohnungen der Herrn Professoren, die beständig beim Straßenüberqueren von Massenkultur und Gesellschaft reden, weil so viele unterwegs seien, die nicht einsähen, daß sie als Kulturträger über die Straßen gehen dürften, wo immer es ihnen beliebe, denn die Kultur gehe über den Straßenverkehr.

Wir haben solche Wohnungen in großer Zahl gesehen, deshalb sind wir des berstenden Gelächters sicher. Die Wohnungen der Studienräte, des oberen Mittelstands von Fabrikanten, die Kanzlerwohnungen, Ministeriellen. Wenn sich irgendwo die fatale Unaufrichtigkeit, die gezielten Lügen und Verdunklungen unter dem Stichwort Massenkultur in allen Einzelheiten beschreiben lassen, dann gerade in den Kreisen derer, die ihr doch immer schon durch ihre Einsichten entgangen zu sein behaupten, ja, die geradezu ihren Fall als einen anschaulich exemplarischen für die Bewältigung des Problems für andere hinstellen.
Will etwa jemand behaupten, daß der echte originale Putto in der Wohnung des Herrn Minister X oder der Franz MARC in der des Ministers Y nicht Bestandteile der Massenkultur sind, obwohl und gerade wegen dieser Echtheit?

Wer will behaupten, daß ein RAFFAEL in den Uffizien zu Florenz ein Gegenbeweis zu den Hervorbringungen der Massenkultur ist? Und daß etwa die äußerst verwickelten sachimmanenten Überlegungen PICASSOs zur Hervorbringung seiner Bilder nicht längst die Massenkultur stützen, ja rechtfertigen? Denn wenn an diesen Originalen der Hochkultur etwas gewesen sein sollte, was nicht nur den Gegenstand selbst als Bild oder Plastik betraf, dann doch das, was sich darin erfüllt, daß Tausende sich seiner bemächtigen, daß sie ihm dort zur Erscheinung verhelfen, wo er nicht mehr die private Spinnerei eines Künstlers oder die geschützte Selbstbestätigung elitärer Herrschaftsschichten ist. Daß dieses Bild dann freilich aufhört, im Sinne dieser Herrschaften ein Kunstwerk zu sein, ist nur folgerichtig, kann nur immer wünschbar sein.

Hier scheint sich allmählich hervorzuwagen, was des Pudels Kern oder der Herren Portemonnaie ist. Und was die Massenkultur zu einem so unversöhnlichen Feind der Herrschenden macht.
Als erster bequemer Einwand sei erwartet und abgewiesen, daß es sich doch in sozialistischen Staaten nicht anders verhalte, wo doch die Herrschaft das Volk selber sei.

Inzwischen haben ja wohl die kommerziellen Beherrscher elitärer westlicher Kulturen gemerkt, wie gut sie sich mit solchen Sozialisten verstehen - und das nicht nur, weil TOCQUEVILLE das so einleuchtend, wenn auch nur andeutungsweise, schon beschrieben hat. Genau die Falschheit der sozialistischen Praxis, für die wir Beispiele zu sehen glauben, macht besagte Herrschende zu Brüdern. Auf der einen wie der anderen Seite wird ja gerade die Auseinandersetzung über unser Problem zum Bestandteil des Interessentenkampfes gemacht, zum Mittel der Erpressung; und wenn auch auf sozialistischer Seite mehr oder weniger zur Bestätigung des Systems insgesamt gegenüber dem bürgerlichen, westlichen, so auf der westlichen Seite als Bestätigung der Einzelinteressen, die man als die des Allgemeinen ausgibt. Das Resultat ist das gleiche: Gezeter und Gejammer, Beschimpfungen des schlechten Geschmacks, der Banauserie, der Unkultur. Die Sozialisten können es sich leider erst jetzt wirtschaftlich leisten, diesem Problem mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden. Indessen haben sie ihre Museumskeller in Leningrad doch auch während der vergangenen fünfzig Jahre mit den Erzeugnissen der bürgerlichen Hochkulturen gefüllt: eine Anhäufung, die es mit vielen westlichen wohl aufnehmen kann. Ein anderer Grund für diese sozialistische und trotzdem falsche Praxis liegt darin, daß die Entstehung ihrer grundlegenden Bedingungen in die Zeit der Hochblüte bürgerlicher Kultur fiel und das heißt, in eine Zeit, in der die Vorwegnahme und der Entwurf anderer Vorstellungen von der Gesellschaft tatsächlich noch durch die Kunstwerke geleistet wurden, wenigstens in ihrer sichtbarsten Form. Infolgedessen gehören zu beiden Systemen die gleichen Denkfehler. Auch MARX hat angenommen, daß die Sphäre der schöpferischen Arbeit aus den naturgeschichtlichen Prozessen der Arbeitsteilung und Entfremdung ausgespart worden sei, und daß in ihrer Praxis ein Modell für einen Zustand erkennbar sei, der gesamtgesellschaftlich erst sehr viel später würde bedeutsam werden können.

Hier sei angemerkt, daß sich aus diesem Mißverständnis der Sozialisten eine Objektivation herleitet, auf die sie glauben, ihre heutige Praxis stützen zu können, genauso, wie das die bürgerliche Elite glaubt.

Da Emphase, also bekundetes Interesse, in unseren Landen als unglaubwürdig gilt, wollen wir etwas sachter fortfahren in Richtung auf die Praxis der Unkultur. Vielleicht aber überlegen wir einmal nebenher, daß doch zur Gepflogenheit unseres neudeutschen Lebens gehören sollte, unsere Interessen nach Möglichkeit klar herauszupräparieren, zu wissen, was wir wollen, welches der Aspekt ist, unter dem wir diesen und jenen Sachverhalt als unseren eigenen oder fremden angehen; also zu bekennen, daß wir Interessen haben oder vertreten und welche. Insofern unterscheiden wir uns nicht von den Kulturkritikern, den Kritikern der Massenkultur. Was uns allerdings sehr unterscheidet, ist, daß sie ihre Interessen verschleiern, daß sie vorgeben, gar nicht ihre Interessen zu vertreten, sondern die der Allgemeinheit. Als Allgemeine aber können sie nicht kontrolliert werden.

Die Lebensmöglichkeit in einer solchen Gesellschaft hängt aber davon ab, daß diese Interessen kontrollierbar sind, wenn auch nur durch andere Interessen und deren Vertreter. In der bewußten Ausbildung und Formulierung ihrer Interessen zeigen sich die demokratischen Tugenden der einzelnen Mitglieder unserer Gesellschaft.

Unser Interesse ist es, den Abbau der Kunstideologien zu befördern, die zur Stützung des Herrschaftsanspruchs elitärer Gruppen ausgebildet worden sind. Wir sehen, daß innerhalb der Erscheinungsformen der Massenkultur diesem unserem Interesse bisher am besten gedient ist. Unser Interesse soll die Praxis der Massenkultur befördern, die wir als Wegwerfbewegung kennzeichnen wollen.

Dabei kennzeichnet dieser Begriff nicht den Zusammenschluß Gleichgesinnter zu einer Bewegung, sondern meint tatsächlich die Aktivität, die zur Bewältigung eines Problems durch Wegwerfen notwendig ist. Der Begriff Wegwerfbewegung soll die spezifische Art einer Tätigkeit, eines Tuns und Handelns kennzeichnen. Diese spezifische Art des Handelns verstehen wir als die durch Massenkultur erst entwickelte unter Hinweis auf eine heute durchaus in den westlichen Ländern schon erkennbare Form der gesellschaftlichen Produktion von Gütern - das heißt unter Hinweis auf die Überflußgesellschaft. Insofern verweisen wir auch hier auf einen Entwicklungsprozeß der Gesellschaft als notwendigen, bevor überhaupt von Massenkultur gesprochen werden kann. Dieser Entwicklungsprozeß muß zu einem entscheidenden Stadium fortgeschritten sein, nämlich bis zum Abbau der Begründungen menschlichen Handelns aus der Not, Armut, aus dem Kampf gegen die Natur, die die Reproduktion der Menschen immer hindert.

Auch die bevorrechtigten Gruppen der Gesellschaft, die einst die Formen der Kultur entwickelten, konnten das erst, als sie nicht mehr im Kampf um die zu behauptenden Lebensweisen unterzugehen drohten. Daß sie dann die entwickelten kulturellen Formen zur Stützung ihres Herrschaftsanspruches geltend machten, ist der Ursprung der Auseinandersetzungen um die Massenkultur. Denn sogleich mit diesen einzelnen Formen der Kultur entwickelten sie deren Selbstverständnis, demzufolge eben Kultur eine Frage elitärer Gruppen ist. Und demzufolge kulturelle Hervorbringungen immer verweisen mußten auf ihren Ursprung, auf die schöpferischen Mitglieder solcher elitären Gruppen. Es mußte der Zusammenhang betont bleiben zwischen dem einzelnen schöpferischen Individuum und seinem Werk. In diesem Zusammenhang sind begründet alle Urteilsformen und Kennzeichnungen der Kultur, wie wir sie kennen: geistiger Besitz, Original, Begabung usw.

Die im Verlauf der Zeiten neu entstehenden kulturellen Hervorbringungen mußten sich dann auch immer wieder unter diese Urteilsformen und Kennzeichnungen fügen. Wenn durch neue Hervorbringungen etwa möglicherweise auch neue Kennzeichnungen entstanden waren, so wurden sie geflissentlich direkt an die bestehenden gebunden: man sprach dann nur von einer Erweiterung, von einer Vergrößerung des Kanons der geltenden Normen.

Im Hinblick auf die Massen- oder gar Unkultur wird nun beklagt, daß diese Normen verschlissen und eingeschliffen wurden dadurch, daß sich mit ihnen nicht mehr als Mittel der Kennzeichnung verschieden privilegierter Gruppen operieren ließ. Es wird bejammert, daß sich auch solche sozialen Gruppen ihrer bedienen, die zur Hervorbringung der Kulturgüter und der durch sie gesetzten Normen nicht beigetragen haben außer daß diese Gruppen sie ermöglichten, indem sie sich ausbeuten ließen. Infolge der Ausbeutung hatten diese Gruppen natürlich nicht dieselben Mittel, sich der normsetzenden Werte zu bedienen. In den Aneignungsprozessen durch die unzureichenden Mittel und die nichtvorhandenen Techniken des Lernens wurden selbstverständlich die Werte verfälscht. Das aber als Vorwurf zu benutzen, ist wohl doch ungerechtfertigt und widerspricht den angeblich doch geltenden Leistungen der Kulturträger, zu denen ja maßgeblich die Urteilsfähigkeit über komplexe Ursachen-Wirkungszusammenhänge gehören dürfte. Aus den Leistungen der Kultur ergaben sich Resultate, die geeignet waren, eben diese Leistungen zu widerrufen - vom Standpunkt der Elite aus.

Eines der bekanntesten Resultate ist die Möglichkeit der unbeschränkten technischen Reproduktion kultureller Hervorbringungen: etwa die der Reproduktion von Gemälden. Entwickelt in einer anderen Interessensphäre, wurden diese technischen Verfahren angewandt, um ihren Bedeutungsanspruch noch zu erhöhen. Indem sie jedermann ermöglichten, eine Reproduktion eines Gemäldes an der Wand zu haben, wurde der Hinweis darauf, daß es sich nur um eine Reproduktion und nicht um ein Original handelt, um so stärker und der Besitz des Originals um so wichtiger. Die überaus deutliche Entwicklung dieses Begriffs infolge der mit der Reproduzierbarkeit entstandenen Situation wurde flugs zu einem zentralen Tätigkeitsfeld der Kulturträger. Allein der Entwicklungsprozeß erwies sich hier wie stets als irreversibel. Die Möglichkeit, massenhaft zu produzieren, drängte die Künstler zur Steigerung der Produktion von Originalen, die aber alle den Charakter von Reproduktionen hatten.

Die Tricks der Sammler und Händler, in dieser Flut kultureller Leistungen ihre originalen Schäfchen im Trocknen zu halten, indem sie Werke aus dem Verkehr zogen, um durch Verknappung den Markt zu halten, haben wenig ausrichten können.

Denn, Gott sei Dank, hat sich auch in der Sphäre schöpferischer kultureller Leistungen à la Kunstwerk eine der größten Errungenschaften der Massenkultur durchgesetzt: die Praxis der Aneignung von Gütern durch Gebrauch ihrer bloßen Erscheinungsweise nach, nicht mehr ihrem Wesen nach, nicht mehr ihrem Werte nach.

Ob Dada oder Neuer Realismus, ob Happening oder Informel, ob Tachismus oder Op-art, alle diese Formen ästhetischer Praxis sind mehr oder weniger unmittelbar bezogen auf die Praxis der Massenkultur. Sie bestehen nicht mehr auf der auszubildenden Identität zwischen singulärem Schöpfer und dem einzelnen Werk. Sie erkennen die Priorität der Originale, der einmaligen unwiederholbaren und deshalb werthaften Hervorbringungen nicht mehr an. Zum Teil sind sogar ihr Gebrauch und ihre Vernichtung Bestandteil der Arbeiten selber. Zum Teil konstituieren sie sich gar nicht mehr als fixierbarer, abhebbarer Gegenstand. Zum Teil sind sie nur noch unbeabsichtigte Spuren der Beziehungszusammenhänge im Leben der Künstler, sind Abfall und Rest, der unerheblich ist, nachdem aus dem gebrauchten Material alle impulsgebenden, anlaßschaffenden Energien herausgezogen wurden.

Die Betonung der Verlaufsformen, des Lebens der Einzelnen in der Gesellschaft, ist sehr deutlich; nicht mehr dessen durch Resultate wahrnehmbare schöpferische Akte machen die Bedeutung einzelner Künstler aus, sondern der Grad des Abbaus der Notwendigkeit, sich in solchen Resultaten zu manifestieren.

Mit einem konkreten Hinweis hieße das: wenn man heute nur allzuoft etwa eine Ausstellung in einer Galerie ausschließlich zum Anlaß von Aktivitäten gesellschaftlicher Art nimmt, so ist das ein Vorzug. Wenn man also die Bilder in einer solchen Ausstellung nicht mehr zu sehen bekommt, weil einfach sich zu viele Menschen vor ihnen bewegen oder die Aufmerksamkeitszentren bei anderem als bei den ästhetischen Gegenständen liegen, dann kann man annehmen, den Intentionen der Künstler entsprechend sich zu verhalten.

Mit einem anderen Stichwort ist die Praxis der Massenkultur womöglich noch eindeutiger zu kennzeichnen: Sie ist modische, kurzfristig wechselnde Erscheinung. Gemeint ist der gewollte Wechsel, die intendierte Veränderung, die keiner fremden Motivierung mehr bedürfen. Solche Moden, solche Wechsel sind durch den Charakter dessen, was da wechselt, selber notwendig.

Indem sich die einzelnen veränderten Formen nur noch im Hinblick auf das verstehen lassen, was ihnen bestimmt folgen wird, sind sie auf ihre Veränderung angewiesen, um in der jeweiligen Phase erkennbar sein zu können. Die Veränderungen sind nicht beabsichtigt im Begründungszusammenhang menschheitlicher Fortschrittstendenzen, die ein vorgegebenes Ziel zu erreichen hätten, die also immer nur herstellen könnten, was der Vorstellung zufolge schon existiert und nun verwirklicht würde.

Sondern, die Veränderungen als Wechsel sind selber schon die Sache. Das Neue ist eine Qualität, gerade weil es nur als Bewegung des gerade Gegebenen und Vorhandenen in Richtung auf etwas anderes, das es nicht ist, verstanden wird.

Der Motivationsabbau ist kennzeichnend für die Massenkultur. Die einzelnen Schritte oder Taten brauchen nicht gerechtfertigt zu werden als kulturdienliche oder für den Fortschritt der Menschen in einem bestimmten Sinne notwendige.

Ihrer realen Verlaufsform nach verändern diese Vorgänge die Menschen und ihre verschiedenen Attitüden, Verhaltensweisen und Normen. Die Argumentation etwa für die Wegwerfbekleidung ist sehr schwach, wenn sie sich auf irgendwelche Vorteile der Wegwerfkleidung gegenüber den gepflegten Kleidungsstücken berufen will. Wenn sie aber als Ausdruck der Möglichkeit zur schnellen und billigen Veränderung von Umgebungen verstanden und so auch gebraucht wird, bewirkt sie, nachträglich konstatierbar, große Veränderungen etwa des gestischen Fundus der Menschen (freiere Formen der Bewegungen), die durch ideologisches Postulat nicht hätten erreicht werden können.

Wegwerfkleidung, Wegwerfgeschirr, ja auch schon Wegwerfbauten: das heißt, auch viel Kapital benötigende Arbeitsbereiche der Industriegesellschaft werden heute unter der Voraussetzung ihrer eigenen Aufhebbarkeit verstanden.
Bei einem solchen Wegwerfbau kommt es eben nicht mehr auf die Ausbildung einer bestimmten Fassade als kulturelle Leistung an; das Prinzip der Aufhebbarkeit ist das entscheidende, wohl auch (gemessen an der kulturellen Vorstellung der einstigen Eliten) das wertvolle.

Die Eliten und ihre Hochkulturen der Primärformen behalten natürlich über ihren eigenen Anspruch hinaus auch für die Massenkultur Geltung als historische. Als zwanghafte, repressive haben sie diese Geltung endgültig verloren. Wer sich von ihnen noch zwingen läßt, möchte durch sein Leiden sich zur Herrschaft prädestinieren. Die Massen- oder Unkultur kennt ganz sicher keine Rechtfertigung irgendwelcher Formen des Leidens der Menschen. Und wenn auch in solchen Leidensformen bisher die Geschichtlichkeit der Menschen beschrieben worden ist und diese Geschichtlichkeit nun in der Massenkultur verloren geht, so können wir wegen eines solchen Verlustes einer kulturellen Hervorbringung nicht weiter auf unserem Leid bestehen, nur um jene Kultur zu retten. Zwangsweise entledigen wir uns ihrer. Dazu trainieren wir die Wegwerfbewegungen. Die penetranten Fixierungen, die teilweise unser Leben noch kennzeichnen, machen dieses Training nötig.

Trainieren Sie die Gymnastik gegen das Habenwollen: Fangen Sie mit den Nettigkeiten an Ihren Wänden an, gehen Sie über zum Kleiderschrank, werfen Sie weg, üben Sie sich in den befreienden Formen der Wegwerfbewegung. Nach wenigen Stunden werden Sie bemerken, daß von Ihnen tatsächlich das abgehandelt wird, was Sie zwar als Ihren Fall ahnen mögen, aber nicht zu erkennen wagen. Vgl. auch die Aktionen ‚Das Blätterbuch – Gymnastik gegen das Habenwollen‘ (in Band V, Teil 3.5) und ‚Die Wegwerfbewegung‘ (in Band IV, Teil 3.3)