Ästhetik als Vermittlung

Arbeitsbiographie eines Generalisten

Ästhetik als Vermittlung | Umschlag
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Was können heute Künstler, Philosophen, Literaten und Wissenschaftler für ihre Mitmenschen leisten? Unbestritten können sie einzelne, für das Alltagsleben bedeutsame Erfindungen, Gedanken und Werke schaffen. Aber die Vielzahl dieser einzelnen bedeutsamen Werke stellt heute gerade ein entscheidendes Problem dar: Wie soll man mit der Vielzahl fertig werden?

Das Publikum verlangt zu Recht, daß man ihm nicht nur Einzelresultate vorsetzt, sondern beispielhaft vorführt, wie denn ein Einzelner noch den Anforderungen von Berufs- und Privatleben in so unterschiedlichen Problemstellungen wie Mode und Erziehung, Umweltgestaltung und Werbung, Tod und Geschichtsbewußtsein, Kunstgenuß und politischer Forderung gerecht werden kann, ohne als Subjekt, als Persönlichkeit hinter den Einzelproblemen zu verschwinden.

Bazon Brock gehört zu denjenigen, die nachhaltig versuchen, diesen Anspruch des Subjekts, den Anspruch der Persönlichkeit vor den angeblich so übermächtigen Institutionen, gesellschaftlichen Strukturen, historischen Entwicklungstendenzen in seinem Werk und seinem öffentlichen Wirken aufrechtzuerhalten. Dieser Anspruch auf Beispielhaftigkeit eines Einzelnen in Werk und Wirken ist nicht zu verwechseln mit narzißtischer Selbstbespiegelung. Denn:

  1. Auch objektives Wissen kann nur durch einzelne Subjekte vermittelt werden.
  2. Die integrative Kraft des exemplarischen Subjekts zeigt sich in der Fähigkeit, Lebensformen anzubieten, d.h. denkend und gestaltend den Anspruch des Subjekts auf einen Lebenszusammenhang durchzusetzen.

Die Bedeutung der Ästhetik für das Alltagsleben nimmt rapide zu. Wo früher Ästhetik eine Spezialdisziplin für Fachleute war, berufen sich heute selbst Kommunalpolitiker, Bürgerinitiativen, Kindergärtner und Zukunftsplaner auf Konzepte der Ästhetik. Deshalb sieht Bazon Brock das Hauptproblem der Ästhetik heute nicht mehr in der Entwicklung von ästhetischen Theorien, sondern in der fallweisen und problembezogenen Vermittlung ästhetischer Strategien. Diese Ästhetik des Alltagslebens will nicht mehr ‚Lehre von der Schönheit‘ sein, sondern will dazu anleiten, die Alltagswelt wahrnehmend zu erschließen. Eine solche Ästhetik zeigt, wie man an den Objekten der Alltagswelt und den über sie hergestellten menschlichen Beziehungen selber erschließen kann, was sonst nur in klugen Theorien der Wissenschaftler angeboten wird. Solche Ästhetik zielt bewußt auf Alternativen der alltäglichen Lebensgestaltung und Lebensführung, indem sie für Alltagsprobleme wie Fassadengestaltung, Wohnen, Festefeiern, Museumsbesuch, Reisen, Modeverhalten, Essen, Medienkonsum und Bildungserwerb vielfältige Denk- und Handlungsanleitungen gibt. Damit wird auch die fatale Unterscheidung zwischen Hochkultur und Trivialkultur, zwischen Schöpfung und Arbeit überwunden.

Seite im Original: 501

Band III.Teil 3.7 Das Leben im Schaufenster

– Mode als Lernenvironment

Ausstellungskonzeption und Beitrag aus dem Katalog ‚Mode – das inszenierte Leben‘ des Internationalen Design-Zentrums, Berlin (IDZ pb 4/1972).

Wer sich fragt, in welchen konkreten Erscheinungsweisen unser gegenwärtiges Leben historisch späteren Betrachtern am präzisesten und eindeutigsten gegenständlich aufbewahrt werden könnte, wird mit einer gewissen Zwangsläufigkeit zu dem Resultat kommen, daß ein solcher späterer Betrachter sich über uns am sinnfälligsten ein Bild machen könnte, wäre es ihm möglich, die Schaufensterfassaden einiger Kaufhäuser abzuschreiten. Er würde das in diesen Schaufenstern zu Betrachtende im gleichen Maße für die Rekonstruktion unseres Lebens als bedeutsam erachten können, in dem wir heute für die Rekonstruktion des Lebens der römischen Kaiserzeit uns auf die Ausgrabungen in Pompeji stützen. Was dort als Leben in den Häusern und auf den Straßen durch die vesuvische Lava zu einer Permanenzszene des Gewesenen erstarrte, wird in den Schaufenstern unserer Kaufhäuser bereits inszeniert. Bewegungslos, auf keine Aufforderung reagierend, eingeschmolzen in undurchdringliche Glaskuben, verharrt das im Schaufenster gezeigte Leben in einer unübersehbaren und unvermeidbaren Aufforderung an uns, das Ausgestellte zur Kenntnis zu nehmen; wobei es im Interesse der Aussteller liegt, daß durch diese Konfrontation unser Verhalten bestimmt wird, also von uns Schlußfolgerungen gezogen werden und wir infolge dieser Schlußfolgerung handeln.

Im gleichen Sinne betrachtet man die pompejanischen Versteinerungen mit der Absicht, die durch das Material ermöglichten Wahrnehmungen in die Handlungsfähigkeit des Betrachters mit aufzunehmen. Wo wir in der Konfrontation mit den Schaufensterinhalten bisher überwiegend nur zu einem einzigen Typ der Handlung veranlaßt werden, nämlich die ausgestellten Gegenstände durch Kauf zu erwerben, gilt es, auch jene Handlungen, die dem Archäologen oder Kulturwissenschaftler oder Touristen aus der Betrachtung pompejanischer Versteinerungen ableitbar sind, dem Schaufenster gegenüber zu aktivieren. Mit dem 'pompejanischen Blick' erschließen sich uns Möglichkeiten, den eindeutigen Handlungsappell, der von den gezeigten Gegenständen ausgeht, zu differenzieren und aus der Wahrnehmung auf mehr zu schließen als auf die Aufforderung zum Kauf. Dieses Mehr läßt sich am einfachsten als die zu erlernende Fähigkeit bezeichnen, das Gegenwärtige als ein bereits Vergangenes zu sehen, das auf die Gegenwart als eine Zukunft verweist Darin liegt die Möglichkeit, das Gegenwärtige nicht nur als eine unumstößliche Konsequenz des Gewesenen zu sehen, sondern als eine historische Erscheinungsweise dessen, was möglich oder zukünftig wäre. Das Gegenwärtige als ein Vergangenes betrachten zu können, meint in erster Linie, sich damit Gegenwärtigem nicht ausliefern zu müssen. Das aktual Betrachtete läßt sich so in die Distanz zwingen, die notwendig ist, um die Wahrnehmung zu kontrollieren und in bewußte Reaktion zu überführen. Der 'pompejanische Blick' ermöglicht die Konstruktion eines Experimentierfeldes, den Aufbau einer Laborsituation, in der auch das Wimmelnde und diffus sich nach allen Seiten Ausdehnende unserer Lebensäußerung festgehalten wird, um es mit Verstand zu betrachten.

Die Arbeit eines zeitfesselnden Lavaspeiers übernehmen in unseren Tagen die Inszenatoren von Geschäftsschaufenstern. Wenn die Arbeiten der Arrangeure auch nicht authentische Momente der Totalität unseres Lebens reproduzieren können, so bringen sie es immerhin zu beachtlichen Annäherungen an die Komplexheit pompejanischer Szenen. Die Tendenz zu immer größer werdender Komplexheit der in Schaufenstern reproduzierten Lebenssituationen läßt sich deutlich ausmachen. Wo noch vor Jahren der Typ der isolierten Präsentation von Ausstellungsstücken dominierte wie in Abbildung (A), ist bereits jetzt der Präsentationstyp, wie ihn Abbildung (B) zeigt, vorherrschend. Abbildung (B) zeigt einen Ausschnitt aus einem Fenster, in dem schon hochgradig komplex eine soziale Situation präsentiert wird; eine Kleinstfamilie, im Begriff, per Bahn zu verreisen. Fenster (A) zeigt eine Unzahl von Ausrüstungsgegenständen, Kleidungsstücken, Instrumenten aneinandergereiht, als wüßte der Betrachter, der auf das Fenster zutritt, bereits, warum und wofür er einen der dort gezeigten Artikel zu erwerben wünscht. Einem solchen Käufer kommt es im wesentlichen darauf an, unter dem größten Angebot von Artikeln des gleichen Typs das seinem Kaufwunsch optimal Entsprechende herauszufinden. Seine Kaufmotivation wird durch die Präsentation der Artikel nicht verändert, sondern bestenfalls differenziert. Die im Fenster (A) durch Schaufensterpuppen dargestellten Personen treten hinter die Präsentation zurück, die Artikel sprechen für sich. Die Puppen demonstrieren ausschließlich in Einzelaspekten, wie ein Artikel, der im Fenster aus Platzmangel nur in zusammengefaltetem Zustand sichtbar ist, als entfaltetes Stück aussieht.

Im Unterschied dazu wird im Fenster (B) einem Betrachter und potentiellen Käufer durch die Inszenierung des sozialen Handlungsgeschehens 'Verreisen' erst nahegelegt, warum er die ausgestellten Gegenstände kaufen sollte. Das heißt, er erfährt, auf welche Weise man sich für das Absolvieren eines solchen Handlungsgeschehens ausrüstet. Dabei wird der Betrachter auf eine Vielzahl von Ausrüstungsgegenständen verwiesen, die ihm als unmittelbar zu einem solchen Handlungsgeschehen gehörig erscheinen. Die Inszenatoren der Fensterszenen gehen davon aus, daß der Betrachter daraufhin ansprechbar sei, verreisen zu wollen. Die Inszenatoren geben dem Betrachter gegenüber vor, daß dazu eine bestimmte unumgängliche Ausrüstung gehöre. Woraus der Umkehrschluß zwangsläufig abgeleitet wird, daß, wer die Ausrüstungsgegenstände durch Kauf erwirbt, damit auch schon in die im Fenster dargestellte Handlung des Verreisens einbezogen wird, ja, daß eigentlich der Kauf der Ausrüstungsgegenstände das Absolvieren der Handlung selber erübrigt. Das Schaufenster zeigt ja auch nichts mehr als das Moment, für eine solche Handlung ausgerüstet zu sein. Auf die Handlung selber ist nur dadurch zu schließen, daß der Betrachter seine Erfahrungen aus ähnlichen Situationen aktiviert und aus der inszenierten Szene die Fortsetzung des Handlungsverlaufs entwickelt. Das heißt, der Betrachter projiziert in die Szene den Aktualverlauf des Handlungsgeschehens unter seiner Beteiligung oder in der Rolle der Dargestellten. Die im Schaufenster (B) präsentierten Gegenstände sind neben Bahnsteig und Zug, Wetter, Mitreisenden usw. Bestandteile der materialen Ausformung der sozialen Situation 'Verreisen'. Das Handlungsgeschehen sowie die Motivationen und Zielsetzungen in der Handlung können sich nur entfalten an den materialen Umgebungsbestandteilen, entweder durch deren Veränderung oder durch die Veränderung der Einstellung und Haltung ihnen gegenüber. So hieße 'Verreisen' eine Veränderung der situationsbestimmenden Momente.

Die für den Gesamtzusammenhang des IDZ-Lernenvironments 'Mode' entscheidende Frage ist die nach dem Grad der Abhängigkeit des Handelnden von dem Materialbestand, der das Handlungsfeld ausmacht. Dabei sind zwei extreme Aussagen möglich. Erstens, der Handelnde verfolgt in einer durch ihn bestimmten Weise sein Handlungsziel, wobei die materiale Ausformung des Handlungsfeldes von ihm nur insofern berücksichtigt wird, als sie eine Steigerung seiner Handlungsfähigkeit bewirkt. Die Gegenstände werden zu bloßen Instrumenten im Handlungsvollzug. Zweitens, wer nicht zur Erarbeitung eines Handlungskonzeptes kommt, sei es, weil er unbestimmt motiviert ist oder ihm Handlungsziele nicht zur Verfügung stehen, begibt sich in ein Handlungsfeld, um sich dort von der materialen Organisation des Handlungsfeldes in einen Handlungsablauf zwingen zu lassen. Dabei gewinnen die Gegenstände den Charakter des eigentlich Handelnden; die handelnde Person wird gegenüber diesen Gegenständen zu einem bloßen Aktualisator, zu einem bloßen Vollzieher des durch die Gegenstände vorgeprägten Handlungsschemas.

Wertet man in dem oben angegebenen Sinne die Inszenierungen unserer Kaufhausschaufenster als aussagefähiges Wahrnehmungsmaterial, dann liegt der Schluß nahe, daß die meisten potentiellen Käufer der Geschäfte nur geringfügig über Handlungsmotivationen und Ziele verfügen. Die inszenierten sozialen Situationen legen es dem potentiellen Käufer in verstärktem Maße nahe, in die inszenierten Handlungsfelder und damit auch Handlungsweisen durch den Kauf der ausgestellten Artikel einzusteigen. 

Dabei ist auffallend, daß sich kaum noch inszeniertes Handlungsgeschehen auf einen einzigen Menschen, repräsentiert durch die Schaufensterpuppe, ausrichtet. Betont wird, wie in den Bildern (C) und (D), eine soziale Aktivität als Interaktion von Personen. Die in (C) gezeigten Kinder scheinen sich als Gruppe auf dem Wege aus Kindergarten oder Schule nach Hause zu befinden. Die in (D) abgebildeten Personen befinden sich offensichtlich im Gespräch auf einem Spaziergang. Bei näherem Hinsehen allerdings sind die scheinbar in Interaktion begriffenen Personen zueinander nur Vertreter der materialen Bestandteile eines sozialen Handlungsfeldes. Der potentielle Käufer läßt sich durch sie zur Übernahme eines Handlungsschemas bestimmen, so wie ihn Gegenstände eines Handlungsfeldes in seinem Verhalten bestimmen. Wie die Gegenstände für das, was man mit ihnen tun kann, selber Festlegungen treffen, so scheinen hier die handelnden Personen Festlegungen zu treffen, und zwar die Festlegung des Käufers auf den Gebrauch der von ihm zu erwerbenden Bekleidungsstücke. Wie ein Gegenstand von seiner materialen Beschaffenheit her festgelegt ist, so ist ein potentieller Käufer, der sich durch den Erwerb der Kleidungsstücke in die vorgeführte Handlung einkauft, durch die Erwartung der schon in einer Schaufenstersituation Handelnden festgelegt. Die Gruppen werden vorgeführt als Vergegenständlichung der Verhaltens- und Handlungserwartung, denen sich ein Käufer gegenübersieht. Daß in Wahrheit die in den Schaufenstern inszenierten Interaktionen wesentlich nur dem Käufer gegenüber Verhaltens- und Handlungsnormen repräsentieren, denen sich anzupassen von ihm erwartet wird, beweisen Beispiele wie in Abbildungen (E) und (F). Die Gruppenbildung der Personen ist ausschließlich durch die räumliche, also formale Bedingung des Schaufensters erfolgt. Die Gruppen sind nur Additionen von Einzelnen; die Mitglieder dieser Gruppen verharren in einer auffälligen Isolation zueinander, ihre Blickrichtungen und ihre Aufmerksamkeit gelten diffus allen Himmelsrichtungen. Ihre Haltungen und die sich darin ausdrückenden Ansätze für ein Handlungsgeschehen korrespondieren nicht. Es läßt sich aus diesen in (E) und (F) abgebildeten Ansammlungen von Menschen keine diese Ansammlung als tatsächliche Gruppe konstituierende Gemeinsamkeit herauslesen. Das Zusammenfinden oder Zusammenhandeln oder Interagieren ist nicht ausweisbar, weshalb diese Ansammlungen eben keine Gruppen sind. Die einzelnen Personen sind nicht Mitglieder einer Gruppe und werden nicht durch das die Gruppe konstituierende Gemeinsame bestimmt. Sie sind nur zufällige Bestandteile im Wahrnehmungsfeld des Schaufensterbetrachters.

Anders scheint es sich mit den in (G) Abgebildeten zu verhalten. Sie scheinen tatsächlich als Gruppe bestimmbar, da sie durch das Handlungsfeld und seinen materialen Bestand in ihrer Gemeinsamkeit ausgewiesen werden; sie sind Skisportler. Die Abgebildeten sind aber in einer sozialen Beziehungsform nur so lange auffindbar, als sie sich in diesem sozialen Handlungsfeld und seinen konkreten Vergegenständlichungen aufhalten. Ihre soziale Beziehung ist nur so lange bestimmbar vorhanden, wie sie Skisport treiben. Darüber, was die Abgebildeten außerhalb dieser momentanen Bestimmbarkeit noch sind, läßt sich nichts ausmachen. Verschärft wird dieses Eingeschlossensein in eine momentane Rolle durch die Tatsache, daß die auf den Handlungstyp zugeschnittenen Gegenstandsebenen, also die Skikleidung in erster Linie, unter dem Gesichtspunkt der Funktionsgerechtigkeit hergestellt wurde, wobei sich selbst dann nicht die geringsten Rückschlüsse auf die Personen ergeben, wenn sie ihrer Kaufkraft entsprechend unterschiedlich teure funktionsgerechte Kleidung tragen. Jeder Ansatz zu Persönlichkeitsausdruck wird durch die die ganze Person von Kopf bis Fuß erfassende Rüstung unmöglich gemacht. Doch läßt sich, wie Bild (H) zeigt, selbst bei solcher Vereinheitlichung der Sportkleidungsträger noch in Ansätzen auf die unter den Rüstungen steckenden Einzelnen schließen, wenn sie im aktualen Handlungsablauf angetroffen werden. Zumindest läßt sich dann über das Verhältnis der Ausrüstung und ihres Verwenders etwas ausmachen, z.B. in welchem Maße er eigene Wahrnehmungen besitzt, Körpergefühl entwickelt oder welches Vertrauen er zu sich und in seine Handlungsweise hat.

Auch die ausgestellten Hochzeitskleider, Bilder (I) und (J), sind von ihrem Verwendungszweck her hochgradig bestimmt. Das Brautkleid kann nur zur Hochzeit getragen werden. Die Einmaligkeit seines Verwendungszweckes macht es notwendig, den Gegenstand selber zu etwas Kostbarem zu stilisieren, in der Auswahl des Materials, der Farbe und des Schnitts. Der Schnitt des Gewandes, seine Materialfülle steht bis auf den heutigen Tag in der Tradition der Ritualgewande. Die Materialität des Hochzeitskleides zwingt seiner Trägerin Verhaltensweisen auf, die dem Ritual angemessen sind: Würde in der Langsamkeit des Schreitens, eine gewisse Bewegungsstarre, die entpersönlicht und damit die bloße Beliebigkeit jeweils persönlicher Ausfüllung des Rituals verhindert. Nicht nur die Furcht, das Kleid zu beschmutzen oder zu beschädigen, veranlaßt die Trägerin, ihre mögliche spontane Reaktion zu unterdrücken. Entscheidend ist, daß durch das Tragen des Ritualkleides die Trägerin die dem Ritual angemessene Verhaltensweise wenigstens formal erfüllen kann, wo diese Verhaltensweisen nicht mehr erlernt und inhaltlich nicht erfaßt werden. Solche Ritualkleidung ist außerhalb der rituellen Handlung nicht tragbar, da sie den dafür notwendigen Verhaltensweisen und Entäußerungsweisen im Wege steht. Es sei denn, der gesamte Lebensbereich wäre hochgradig ritualisiert wie in der alltäglichen Verhaltensritualisierung bei Richtern, beim Klerus. Dem entspricht, daß etwa Herrschaftsrollen durch die Jahrhunderte hin mit der Ritualisierung des Verhaltens einhergingen, wodurch die Repräsentation der Herrschaft von den Momenten bloßer personaler Herrschaftsansprüche befreit wurde. Das Ritualgewand wird zur Arbeitskleidung der Herrschaft Ausübenden. Ritualgewande sind wenigstens knöchellang, zumeist schleppenförmig ausgeweitet, schwer und verweigern die Anpassung an die individuellen Körperformen. Das hier abgebildete Schaufenster (I) zeigt demzufolge ganz richtig, daß selbst der zu einer Hochzeit notwendige männliche Partner nur eine formale Position des Rituals erfüllt. Selbst er wird zur Staffage wie Schleppenträger, Trauzeugen, Blumenkinder, Brautjungfern. Die Schaufensterbetrachterin als potentielle Braut braucht sich selbst nur in die durch das Ritual eindeutig vorgegebenen Handlungsabläufe einzugliedern, indem sie sich selbst zur Trägerin des Hochzeitskleides macht.

Daß in immer größerem Umfange von Brautausstattern ein kompletter Hochzeitsservice angeboten wird, ist keine bedenkliche Einschränkung der Handlungsfähigkeit von Heiratenden und ihren Familien, sondern drückt aus, daß das Ritual von der Allgemeinheit ausgebildet und zur Verfügung gestellt werden muß. Problematisch ist ein solcher Service dennoch dadurch, daß die Hochzeitsarrangeure solches im Ritual erscheinende Allgemeine im wesentlichen für händlerische Privatinteressen einsetzen. Das kann nicht ohne Folgen für die Verbindlichkeit des Rituals bleiben. Das Ritual wird zu einem bloßen Formalschema der Organisation von Handlungen.

In der Abbildung (J) eines Hochzeiterschaufensters wird eine Braut gezeigt, deren Haltung und Gestik sehr gekünstelt wirken. Die axiale Drehung des Körpers, das Abspreizen der Arme, Hände und Finger, scheinen bloße inhaltslose, formale Attitüden zu bezeichnen. Die Frau wirkt mannequinhaft manieriert. In der Tat sind die Bewegungsformen von Mannequins bewußt auf die strikte Formalisierung und Auswendigkeit reduziert. Die Absicht liegt darin, das Mannequin zu entpersönlichen, damit die Aufmerksamkeit des Betrachters nicht auf die Person der Kleiderträgerin, sondern auf die Kleider ausgerichtet werden kann. Weltweit hat sich diese Form von formaler Ritualisierung als einheitlich herausgebildet.

An den Bildern (K) und (L) läßt sich der Unterschied einer Formalisierung, wie sie durch die standardisierten Bewegungsabläufe von Mannequins erzwungen wird, und dem persönlichen Ausdrucksgestus eines Kleiderträgers ablesen. In Bild (K) dominieren gerade wegen der hochgradigen Formalisierung des Bewegungsausdrucks die Gegenstände und Kleider, auf die das Käuferinteresse gelenkt werden soll. In Abbildung (L) ist der Ausdrucksgestus im wesentlichen reduziert auf geschlossene Körperhaltung und Mimik. Die Aufmerksamkeit des Betrachters richtet sich wesentlich auf die Erfassung des mimetischen Ausdrucks und nicht auf die Wahrnehmung der angebotenen Kleidungsstücke. Demzufolge könnte man sagen, daß die Figuren der Abbildung (L) im Hinblick auf das, was sie ausdrücken, befragt werden können, da ja gerade ihr Verhalten keine Formalschematisierung bestimmt. Gerade dort, wo sich Schaufensterdekorateure und ihre Auftraggeber einer Art realistischer Präsentation von Kleiderträgern befleißigen, läßt sich aus den präsentierten Figuren eine Aussage über die abgebildeten Menschen machen, insofern als sie Stellvertreter der vor dem Schaufenster stehenden potentiellen Käufer sind. Bei einer Formalschematisierung wie im Ausdrucksgestus des Mannequins wird kaum eine Käuferin zur Aufnahme solchen Gestus überredet. In den Schaufensterfiguren, die lebenden Personen nachgebildet sind und deren Bewegungsgestus Persönlichkeitsausdruck bleibt, wird sich ein potentieller Käufer selber sehen können. Er wird die Kleidung als Form des Persönlichkeitsausdrucks verstehen und versuchen, durch den Erwerb der Kleidungsstücke zu einem ähnlichen Persönlichkeitsausdruck zu kommen.

Die Voraussetzung für die Entfaltung eines Persönlichkeitsausdrucks ist die Korrespondenz mit anderen Beteiligten eines sozialen Geschehens. Persönlichkeitsausdruck ist die Demonstration der Fähigkeit des Einzelnen, auf ein soziales Geschehen zu antworten, und zwar so, daß die anderen Beteiligten diese an die Person gebundene Antwort auf die soziale Situation als akzeptable und verbindliche Erfassung des Geschehens werten können. Die Kleidung ist nur insofern Bestandteil des Persönlichkeitsausdrucks, als angenommen werden kann, daß den Beteiligten durch den Träger demonstriert wird, welche Orientierungsmuster für die Bewältigung sozialer Situationen der Träger benutzt. Ein bekanntes Signalelement des Orientierungsmusters ist etwa das Tragen einer Uniform, das Tragen von Berufs- oder Standeskleidung. Es wäre ein Fehler, von dem signalisierten Orientierungsmuster durch das Adaptieren von Bekleidung, die für eine Gruppe mehr oder weniger verbindlich ist, darauf zu schließen, daß die Uniformträger beziehungsweise der Standes- oder Berufskleidungsträger eben deshalb keinen Persönlichkeitsausdruck betreibe, weil er sich der Kleidung einer Gruppe bediene. Umgekehrt ist es auch unrichtig, etwa aus besonders exzentrischer oder auf Einmaligkeit angelegter Kleidung auf das Maß an Persönlichkeitsentfaltung ihres Trägers schließen zu wollen. Solche Vereinzelung in das allen anderen an der sozialen Korrespondenz Beteiligten nicht zur Verfügung stehende Muster wäre nur als autistische Verweigerung der Erkennbarkeit anzusehen. Soziale Korrespondenz ist aber nur in der Vorgabe von Erkennbarkeit und in dem Verlangen, erkannt zu werden, sinnvoll, nicht aber in dem krampfhaften Bemühen, sich einer solchen Erkennbarkeit und Identifizierbarkeit zu entziehen. Das Beispiel (N) zeigt ein solches Muster des gegenseitigen Erkennens durch Persönlichkeitsausdruck. Die Dreiergruppe der geschäftsmäßig besonnen und kalkuliert Gekleideten steht einem Einzelnen gegenüber, dessen Persönlichkeitsausdruck in seinen Bestandteilen Mimik, Gestik, Kleidung, Haartracht und Haltung auf einen anderen Bezugsrahmen, als es der der Dreiergruppe ist, schließen läßt. Die soziale Korrespondenz wird dann gelingen, wenn die Beteiligten in der Lage sind, ihre Bezugsrahmen gegenseitig zu identifizieren. Diesen Augenblick der Identifikation zeigt das inszenierte Schaufenster (N), wobei noch nicht zu erfahren ist, welche Resultate die gegenseitige Erkennung für das Verhalten der Einzelnen zeitigen wird. Aus dem inszenierten Geschehen ist sowohl zu entnehmen, daß es zu einer Annäherung des Einzelnen an die Dreiergruppe kommen wird, wie umgekehrt, daß er bereits versucht, die Distanz zwischen sich und der Dreiergruppe zu vergrößern.

Das Bild (0) zeigt in einem anderen Beispiel das Gelingen einer solchen Annäherung, wobei die Schaufensterinszenatoren logischerweise darauf verweisen, daß die Annäherung durch den Austausch eines Gegenstandes zustandekommt, eines Gürtels nämlich. So wird auch ohne die käfighafte Umgrenzung des Handlungsfeldes durch die Barriere des Schaufensters jene Vermittlungsform von demonstrierten Verhaltensweisen und ihrer Adaption sichtbar, die in Schaufenstern dominieren muß: als Vermittlung von Schaufensterinnerem mit dem Außenraum des Betrachters. Wie in der Schaufensterszene die Vermittlung durch den Austausch von Waren gelingt, so soll auch die Annäherung des Schaufensterbetrachters an die ausgestellte Gruppe durch den Austausch von Waren gelingen. 

>Solche Vermittlung kann auch ungegenständlich sein, etwa als Form der Aneignung, die von den nicht bewußten Wahrnehmungsformen unseres Körpers ausgeht. Eine dieser Wahrnehmungsformen unseres Körpers besteht im Gebrauch der Haut als Sinnesorgan. Die Abbildung (P) erweckt die sinnliche Wahrnehmung auf der Körperoberfläche des Betrachters, indem er sieht, wie sich der demonstrierenden Figur Daunen an den nackten Leib schmiegen. Geht der Betrachter durch den Appell seiner sinnlichen Körperwahrnehmung auf das Vermittlungsangebot des Geschäfts ein und erwirbt eine Daunendecke, dann kann er, wann immer er diese Daunendecke benutzt, diese seinem Körper als wünschenswert erscheinende Wahrnehmung mehr oder weniger umstandslos wiederholen. Diese Form der Vermittlung von unterschiedlichen Befindlichkeiten des Drinnen und Draußen widerspricht nicht der allgemein geltenden Voraussetzung, daß soziale Korrespondenz unabdingbar ist für die Vermittlung, denn in solchen Beispielen entwickelt der Betrachter und Benutzer der Ware eine Art sozialer Korrespondenz zu sich selber, die man als Autokommunikation bezeichnen könnte. Im Unterschied zu einem narzißtischen Versuch, sich selbst zum Gegenstand zu nehmen, wird hier immer der Bezug auf die Außensituation aufrechterhalten. So gehört zum Selbstgenuß beim wohlbefindlichen Aufenthalt im Bett unter einer solchen Daunendecke dann immer der Verweis darauf, wie man sich ohne die Daunendecke befinden würde; es wird also die Fähigkeit des Selbstgenusses vermittelt durch die Beziehung nach draußen auf einen Zustand außerhalb der eigenen Person: zum Beispiel auf draußen heulende Winde, herrschende Kälte und auf die Erinnerung an das Unwohlgefühl bei unzureichender Zudecke.

Daß diese Differenzierung im Selbstgenuß gegenüber dem Narzißmus berechtigt ist, zeigt die Inszenierung in Abbildung (Q). Die in der Inszenierung auftretenden Personen zeigen deutlich, daß sie ihr Verhalten auf die Tatsache ausrichten, beobachtet zu werden. Die Aufmerksamkeit, die ihnen von anderen entgegengebracht wird, steigert ihre genußreiche Selbstwahrnehmung. In diesem Beispiel stellt sich exemplarisch die Beziehung des Betrachters auf die präsentierte Situation und umgekehrt dar. Da es für die demonstrierte Gruppierung kein natürliches Moment ihres Entstehens gibt (die Figuren stehen immer schon in der Haltung da, in der ich sie wahrnehme), läßt sich für den Betrachter nicht ausmachen, ob er selber die Ursache für das Verhalten der Schaufensterpuppen ist oder ob die Schaufenster die Ursache für sein Wahrnehmungsverhalten sind. Dem bisher Gesagten zufolge ist anzunehmen, daß eine derartige Inszenierung eines Schaufensters den Käufer nicht zur Überführung seiner Wahrnehmung in die vom Inszenator gewünschte Handlung veranlaßt, da ein latentes Moment der Unbestimmtheit in der Beziehung von Betrachter und Betrachtetem aufrechterhalten bleibt.

Anders bei der Inszenierung wie in Abbildung (R). Zwar sind sich auch die drei Frauen der Tatsache bewußt, beobachtet zu werden, was aus ihren Haltungen deutlich hervorgeht, aber sie vermeiden durch Abwenden ihres Gesichts, in eine für sie und die Betrachter unbestimmbare Korrespondenz zu treten, so daß die Betrachter der Schwierigkeit enthoben sind, sich in dem Moment mit dem Persönlichkeitsausdruck der Frauen zu beschäftigen, in dem sie auf die in dieser Inszenierung präsentierten Gegenstände Aneignungsverlangen äußern. Dem antrainierten Geschlechterrollenverhalten entspricht, daß die Männer in Beispiel (Q) mit Demonstration von Persönlichkeitsausdruck auf den Aneignungszugriff der Betrachter antworten, während die Frauen in Beispiel (R) zu wissen scheinen, daß die Betrachter am Persönlichkeitsausdruck nicht interessiert sind und daß sie deshalb die offensichtlich mit affektiveren Appellen ausgestatteten Partien des eigenen Körpers präsentieren müssen. Verführung, also Auslösung eines unkontrollierten Aneignungsverlangens mußte für Frauen bisher darin bestehen, zunächst auf den Persönlichkeitsausdruck in der Aneignung zu verzichten, um dann verständlicherweise um so unnachgiebiger durch Zuwendung des Gesichts den Aneigner in die Demonstration ihrer Persönlichkeit einzubinden.

Unsere Vermutung, die in Beispiel (Q) inszenierte Schaufensterszene würde den Schaufensterbetrachter kaum zu dem vom Geschäftsinhaber gewünschten Handeln bewegen, ist auch dadurch zu stützen, daß sich die überwiegende Zahl der Inszenierungen auf den Typ (R) einstellt, und zwar deshalb, weil der Verkäufer mit seiner Ware genauso verfährt wie die Frauen in Beispiel (R). Das Aneignungsverlangen wird stimuliert, ohne daß der Ware über das Preisschild hinaus anzusehen wäre, was man für sie zu zahlen hat. Das Preisschild gibt nur Auskunft über die Ware in Relation zu anderen Waren, aber nicht in Relation zum Käufer und dessen Fähigkeit, die für die Aneignung notwendigen Mittel sich zu verschaffen. Das wird eindeutiger, wenn man sagt, daß es den Einzelnen entsprechend ihrer sozialen Position unterschiedlich schwer fällt, das Geld für die Aneignung zu verdienen. Gäbe der Preis darüber Auskunft, dann müßte die Ware mit etwa folgenden Preisschildern ausgestattet sein: für Arbeiter der Kategorie (A) ein Wochenlohn, für Arbeiter der Kategorie (B) ein 5-Tagelohn, für ungelernte Fabrikarbeiterinnen zwei Wochenlöhne, für leitende Angestellte ein Dreitagelohn usw.

Bevor in unseren Schaufenstern derartige Preisschilder zu sehen sein werden, sind wir jenen Lokalitäten zu Dank verpflichtet, die unverstellt und direkt den Hinweis auf Zusammenhänge zwischen Aneignungsverlangen und Aneignungsfähigkeit geben, siehe Beispiel (S).