Straßentheater – Aktionstheater auf dem Kudamm

Theatersitzreihen auf dem Kudamm, 1965 | © Siegfried Reichelt

Die Straße als Theater

Ein Beispiel für die vielfältigen Versuche, die Funktionen der Kunst mit Blick auf die Alltagspraxis zu reflektieren: Was das Publikum im Theater lernt, sollte es ja nicht nur auf weitere Theatervorführungen anwenden, sondern sich zum Gebrauch außerhalb des Zuschauerraums aneignen. So stellte ich im Januar 1965 auf den Bürgersteigen und dem Mittelstreifen des Kudamms in Berlin Theatersitzreihen ab, verkaufte Eintrittskarten, damit den Sitzenden das ihnen Gebotene entsprechend unseren Gepflogenheiten als ernstzunehmendes Ereignis erschien. Das Ereignis bestand darin, als Theaterpublikum die alltäglichen Straßenereignisse so wahrzunehmen, wie man vor der Bühne einen Hamlet oder Arturo Ui wahrzunehmen gelernt hat. Um mich als Veranstalter nicht völlig von den Ereigniserwartungen meines Publikums zu entfernen, engagierte ich einen Radfahrer, der in Höhe der Sitzreihen im Verkehrsstrom für kleine Beinahe-Katastrophen, also Ereignishöhepunkte, zu sorgen hatte. Natürlich dauerte es einige Zeit, bis das Publikum die hinter geschlossenen Autoscheiben gestenreich geführte Unterhaltung zwischen einem älteren korpulenten hochdruckgefärbten Geschäftsmann mit Hut und dem neben ihm sitzenden zähledernen austrainierten kopfbedeckungsfreien Mittzwanziger so genußreich zu deuten wußte wie eine entsprechende Konstellation auf der Bühne.

Das aus dieser Aktion damals abgeleitete Motto "Das Theater ist auf der Straße" wurde nur allzu schnell mißverstanden, wenn man glaubte, es drücke die Aufforderung aus, Theateraufführungen vom Theater auf Straßen, Plätze, Fabriken zu verlagern. >Theater bleibt Theater, wo immer es stattfindet, und am besten wird Theater immer noch im Theater gespielt. Nur dort lernt man, daß die künstlerischen Techniken im ausschließlichen Bereich der Kunst entwickelt werden müssen. Für die Aneignung und Nutzung dieser Techniken ist nicht das Theater selbst zuständig, sondern das Publikum oder aber die Gruppe der Vermittler. Kunst und Alltagsleben umstandslos ineinander übergehen zu lassen, führt nur zum Verlust der von den Künstlern tatsächlich jeweils optimal entwickelten künstlerischen Techniken und Verfahrensweisen.

An die Aktion knüpfte sich eine Fortsetzung im geschlossenen Raum an, bei der die Karteninhaber einen weiteren Entwicklungsschritt in der angedeuteten Richtung einüben konnten: Nicht nur, wie im Kudamm- Experiment, andere in ihrer Alltagsumgebung mit den Augen des trainierten Theaterbesuchers wahrnehmen, sondern auch sich selber in den gewohnten eigenen Alltagssituationen. Die Anleitung gestaltete sich schwierig, da die Teilnehmer mit großem Vergnügen in das inzwischen übliche Rollenspiel verfielen, das aus der bloßen Definition der fremden Rolle heraus schon anderes bietet, zumeist nur entlastendes Freisetzen von alltäglichen Rollenzwängen. Das Problem im Alltag ist aber nicht, beliebige Rollen zu spielen, sondern eine Person zu sein.