Frankfurter Ring-Fibel

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

2 Die Brust als Körperlandschaft

Als sich die Beseelungspraktikten der Menschen mit Zunahme der kritischen Reflexion langsam lächerlich machten, als der Animismus dem nicht durchsetzbaren Naturvernichtungswillen primitiver Menschen zugerechnet wurde, begann man damit, den menschlichen Körper zu vernatürlichen. Wurde bei den Primitiven die Natur in Analogie zur Geisterwelt betrachtet und als ihr Ausdruck, so wurde nunmehr zu Beginn des 18. Jahrhunderts die innere menschliche Vorstellungswelt und Seele mitsamt ihrem Sitz, dem Körper, in Analogie zur Natur beschrieben.

Die Seele wurde zur Seelenlandschaft, und was die Seele barg, wurde zur Körperlandschaft.

Es dürfte über die Blickrichtung und Perspektive desjenigen etwas auszusagen sein, der zuerst die beiden Brüste mit einer lieblichen Hügelkette verglich und der dann ein übriges tat, als er auch noch den Schnee auf sie fallen ließ, worin die Weiße der Brust aufbewahrt werden sollte. Gegenüber den strammen Stampfern und rauhen, aufgerissenen Armen, die der Witterung ausgesetzt waren, mußte in der Tat die immer bedeckte Brust kränklich weiß sich ausnehmen, schneeweiß. Am Abend schmolz der Schnee.
Da in früheren Zeiten die allgemeinmenschliche Brust noch tiefer durchzuatmen pflegte, so daß die Atemzüge sich deutlich in der Bewegung des Brustkorbs ausdrückten und sich andererseits Gemütsbewegung direkt in Körpertat übertrug, konnte man auch auf die Idee kommen, die beiden Brüste den Blasebälgen zu vergleichen. In besonderer Fixierung dessen, warum so stark geblasen wurde, nannte man sie die Blasebälge unserer Lust.

Einem Detail der Brustkonstruktion, dem eingefärbten Warzenhof, verdankt sich der Vergleich der Brüste mit den lieblichen zwillingszweien Rehäugelein.

Die Gesamtbrüste wiederum, in der Form ihrer Präsentation, wurden verglichen den eingefaßten Diamanten, gleichsam ideell überhöht nur den Wert der Diamanten meinend, nicht ihre Größe.
Die Beschreibung der Brustlandschaft unter dem Gesichtspunkt des Taktilerlebnisses (Berge kann man ja schlecht anfassen, um ihre Rundung zu spüren) hat sich völlig bestimmen lassen durch die Tasterlebnisse an Alabaster, an Steinen, an Elfenbein, an Marmor. Den so Vergleichenden muß das Brusterlebnis vor allem an sehr jungen Mädchen zuteil geworden sein.

Auch die angegebenen Farbwerte und geschmäcklerischen Nuancierungen verraten, daß die Erlebnisinhalte eines Busenfreundes durch Analogie zu denen des Naturgängers gewonnen werden: es blitzt grell, der Farbbogen leuchtet, das Licht glüht usw. Sicherlich hatte diese Art des vernatürlichenden Sprechens die Aufgabe, das Sprechen über und das Reden von der Brust überhaupt erst zu ermöglichen. Denn wurde die Sache, die nackte Brust, besprochen wie etwas, was allen vor Augen lag, konnte daran nichts Verwerfliches liegen.

Zu bedenken ist, daß sich das Volk mit der Beschreibung des primären weiblichen Geschlechtsmerkmals nie solche Mühe gegeben hat. Jener Bereich der Körperlandschaft ist unterbestimmt, jedenfalls viel unterbestimmter als der der Brust. Die Zahl der Bestimmungs- oder Reizwörter ist für die Brust größer als die fürs Geschlechtsorgan, obwohl Eltern und Lehrer sich gerne das Gegenteil einreden. Aus der Gruppe der Gegenbeweise, der Bestimmung der Körperlandschaft Unterleib, soll an eine besonders erinnert werden: Arno SCHMIDT wies nach, daß Karl MAY offensichtlich Landschaftsbeschreibungen als Vorbereitung auf eine Aktion immer als Beschreibung der Landschaft zwischen abgespreiztem Schenkel und steil stehendem Schenkel anlegte.