Erich Lindenberg - Udo Lindenberg

Erich Lindenberg - Udo Lindenberg | Titel
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

anläßlich einer Ausstellung im Mönchehaus-Museum für Moderne Kunst, Goslar 2004 / mit einem Text von Bazon Brock

Illustration: Lindenberg, Erich

SEI DEINES BRUDERS HÜTER

Udo und Erich triumphieren über genetische und kulturelle Zwangsvorstellungen

Die fortschrittlichsten Leutchen halten sich so viel darauf zugute, statt der alten aristokratischen Abstammungsgemeinschaften die territorial gebundenen Lebensraumgemeinschaften den wichtigsten Rechtsverhältnissen und Lebenserfahrungen zugrunde zu legen. Boden statt Blut, rufen sie pathetisch. Aber wenn's dann was zu erben gibt von Papa, Mama und der übrigen Blutsverwandtschaft, dann kassieren sie bedenkenlos aus Gründen eben dieser Blutsverwandtschaft, obwohl sie die doch gerade noch als faschistoide Hinterlassenschaft geißelten. Sehen Sie, das ist bigott, eine linke Tour der Bekenntnisfrömmelei.

Ähnlicher Bigotterie begegnet man, wenn man die vielbeschworene Brüderlichkeit und gar Schwesterlichkeit aus ihrer längst nicht mehr christlich angehauchten Metaphorik auf das zurückführt, was sie begründet, nämlich das natürliche Geschwisterverhältnis. Da posaunt's dann keck: Bin Ich denn meines Bruders Hüter?, vor allem, wenn man sich einen Deubel um die eigenen Geschwister kümmert, um umso schrankenloser die abstrakte, also völlig leere Brüderlichkeit aller Menschen zu beschwören.
Sicherlich ist richtig, daß kulturelle Übertragung von Wissen und Erfahrung nach ihrer Wirksamkeit alle Übertragung der eigenen Gene an Nachkommenschaften bei weitem übertrifft. Die Wahlverwandtschaften, die Freundschaften, die mönchischen Bruderschaften, die politischen Parteiungen, die Kollegenschaften und Produktionsgemeinschaften haben sich als viel viel effektiver erwiesen als Sippschaften, Familienverbände oder ethnisch rassistische Zugehörigkeiten.

Umso erstaunlicher die allgemeine Euphorie, per genetischem Design neue Menschen zu kreieren. Aber auch schon der geringere Anspruch, per Eingriff in die menschlichen Keimbahnen degenerative Abweichungen von den Funktionsstandards der genetischen Programme zu korrigieren, bereiten äußerste ethische Bedenken, als sei man drauf und dran, sich der Tyrannei der genetischen Entwicklungslogik vollständig auszuliefern.

Erich und Udo

Dabei gerät das angeblich stärkste Beweisstück für die Macht der Gene, die genetische Verwandtschaft eineiiger Zwillinge und im weiteren von Geschwistern zum Gegenbeweis: Die Geschwister Mendelssohn, Schlegel, Mann, de Chirico und so gut wie alle anderen herausgehobenen Geschwister führen bei auch nur etwas näherer Betrachtung zu der erstaunlichen Einsicht, wie unterschiedlich die Geschwister nach Persönlichkeitsausdruck, geistigem Vermögen und Durchsetzungskraft gewesen sind. Anstatt für unsere Auslieferung an die genetischen Mechanismen und unsere Prägung durch familiäre Milieus sowie Erziehungsstile demonstrieren Geschwisterpaare den möglichen Triumph oder doch die weitgehende Erhebung über unserem Können und Wollen angeblich entzogene Gestaltungskräfte des Lebens.
Die Faszination von Geschwisterpaaren wie Erika und Klaus Mann gilt nicht ihrem Synchronlauf aus genetischer oder familiärer Herkunft, sondern der vollständigen Verschiedenheit in Auffassungen und Ansprüchen der Protagonisten. Selbst die Yellowpress orientiert den wöchentlichen Klatsch über Mitglieder aristokratischer Herrscherhäuser an der Eigenwilligkeit, am abweichenden Verhalten, an der aufgekündigten Zugehörigkeit zu prägenden Familienbanden. Diesem Klatsch verdanken wir sogar die Darstellung der gemüthaften und charakterlichen Unterschiedenheit von Alice und Ellen Kessler.

Immer wieder hört· man, daß die Häufung von Krankheiten in Familienverbänden unabweisbar die Macht der Gene demonstriere. Zum einen handelt es sich dabei um Prädispositionen, also um bloße Anfälligkeiten, zum anderen hat die gemeinsame Prädisposition keineswegs zwangsläufig etwa den Ausbruch von Familienkrankheiten zur Folge. Aber darüber hinaus ist ja das Lebenssystem jedes Menschen anfällig gegen schädigende Einflüsse der verschiedensten Art, von der falschen Ernährung bis zur Aufnahme von schädigenden Umwelteinflüssen. Und es ist ja nicht so, daß nur an Darmkrebs erkrankt, wessen ältere Geschwister, Eltern und weitere Verwandte bereits häufiger an Darmkrebs erkrankten.

Das gleiche gilt für kulturelle Auswirkungen gemeinsamer Prädispositionen.
Heinrich Mann hatte die offensichtlichen Dummheiten, Gemeinheiten und opportunistischen Verdrängungen von vornherein durchschaut, denen sein Bruder Thomas bis in die Anfangsjahre der Weimarer Republik mit Kulturretterpathos anhing. Aber gerade weil Thomas Mann den wissenschaftlich verbrämten Unsinn deutscher Ordinarien, den Widersinn der weißen Rasse-Ideologie im Europaformat und die Fortschrittsfeindlichkeit als Antiamerikanismus im Weltmaßstab so überzeugend bis 1922 vertreten hatte, konnte er das exilierte Deutschland vertreten, während sein Bruder Heinrich, der von vornherein richtiger Urteilende, kaum noch geduldet wurde, weil sich alle Exilierten durch ihn stets an ihre eigenen Irrtümer erinnert fühlten.

Derartige Geschwisterbiographien sind interessant, weil sie für die Entscheidungsfreiheit und zurechenbare Verantwortung der Individuen stehen. Udo und Erich Lindenberg lassen sich auf diese Demonstration von Freiheit und Verantwortlichkeit in dem Augenblick ein, in dem uns Genetiker ihrer Mythologie der genetischen Schicksalhaftigkeit unterwerfen wollen und die Hirnforscher für sich ungeheure Summen öffentlicher Gelder verlangen, weil sie nachzuweisen versprechen, daß aus neurophysiologischen Funktionslogiken schlechterdings niemand mehr für sein Tun und Lassen zur Verantwortung gezogen werden kann.

Elitäre Massenkultur und populäre Künstlerindividualität

Erich ist ein Heinrich, Udo ein Thomas in der Geschwisterkonstellation, die heute wie vor 100 Jahren das Verhältnis von produktivem Irrtum zu kritischer Selbstdistanz, von Pathos der Selbstverwirklichung zur Arbeit an der Wahrheit repräsentiert. Erich ist der Ältere (mehr kann hier nicht aus der Geburtshierarchie der Geschwister Lindenberg erwähnt werden; empfohlen sei ein Blick in entsprechende sozialpsychologische Arbeiten zu Geschwisterhierarchien). Erich war, wie immer das auch zustande kam, an den kulturellen Entwicklungs- und Wirkungsmustern der modernen Künstler als Photographen, Designer, aber eben auch als Maler, Architekten und Graphiker orientiert. Deswegen suchte er Anschluß an Avantgarde-Vorstellungen, wie sie zum einen das Folkwang-Konzept für die modernen Reformbewegungen darstellte und andererseits an den klassischen Kunstakademiekonzepten, die unter Ludwig XlV. entwickelt worden waren und für ganz Europa Verbindlichkeit erlangten. Die Folkwangschule für Gestaltung in Essen und die Akademie der Bildenden Künste in München bezeichnen Erichs frühe Orientierung für seine Ausbildung an der Reibung zwischen Akademismus und Lebensreform als Künstleraufgabe.

Udo hingegen, der Jüngere, ging schon von den vollzogenen Umstellungen der Nachkriegsjugend auf andere, amerikanische und damit universelle Lebensformen aus. Für ihn waren Rock und Pop selbstverständlich durchgesetzte Reformen der Moderne im Verhältnis von junger Generation zu Eltern, beziehungsweise von Massenkultur zu Eliten oder von Hochkultur zur Subkultur.

Für Erich galt immer noch das Programm der Moderne, nämlich zu klären, in welches Verhältnis geltende akademische Normen zu künstlerischen Normabweichungen, also zu Innovation, zu Kreativität zu setzen seien; denn man kann ja künstlerisch produktiv nur solange von Normen bewußt abweichen, wie sie gelten. Wenn sich erst überall der künstlerische Impetus auf kreative, innovative Abweichung durchgesetzt haben würde, sei diese Leistung gar nicht mehr zu würdigen, weil kein Mensch mehr wisse, wovon alle diese vielen schöpferischen Künstler eigentlich abgewichen sein sollen. Für Erich läßt sich das, so belegen seine Beiträge zur Ausstellung »Geschwister Lindenberg« in Goslar, heute ziemlich genau angeben: Es ist das Verhältnis von durchgesetzter Abstraktion, von Ungegenständlichkeit zu den bildlichen Vorstellungen, die alle unsere Betrachtungen abstrakter ungegenständlicher Kunst aus neurophysiologischen Gründen und der Entstehungsgeschichte der Leistungsformen unseres Gehirns heraus begleiten.

Mark Rothko, auf dessen Konzepte sich Erich Lindenberg unmittelbar beziehen läßt, flüchtet sich in Metaphern des Religiösen, der spirituellen Auratislerung und der Erhöhung des Betrachters durch die Erfahrung der Erhabenheit (des Sublimen). Erich Lindenberg bezieht dieses sublime Pathos auf die ahnende Vorstellung des Menschen in seiner nach christlicher Sicht höchsten Entfaltung des Gattungsschicksals. Dieses Schicksal wurde von den Malern seit dem 15. Jahrhundert vor allem in der Darstellung des vom Kreuz abgenommenen toten Christus gesehen. Deswegen plaziert Erich an den Konfrontationsfugen der abstrakten Bildformen den erinnerten toten Christus nach der von Mantegna oder Holbein eingeführten Sichtbarkeit. Über dieses christlich ikonographische Konzept hinaus stellt Erich generell das signum mortis alles Lebendigen, die bleichen Gebeine auch nicht menschlicher Lebewesen, ins Vorstellungsbild, das durch die formale Leere abstrakter Formen und monochromer Farbgewalt bei jedem Betrachter evoziert wird, der nicht nur auf die Gemälde starrt, sondern ihre Bilder sieht: Menschen- oder Tierschädel.

Gerade in der von jedem Betrachter der Gemälde erspürten unaufhebbaren Differenz zwischen dem Gefüge formaler Bildabstraktionen einerseits und den sich einstellenden Vorstellungen andererseits, ergibt sich die Leistung des künstlerischen Konzepts Erich Lindenbergs: Es gibt keine Versöhnung, aber eine Darstellung der Unvereinbarkeit sublimer Gewalt der Formen und konkreter Vorstellung des Zeugnisses allen Lebens, also der Gebeine als Zeichen des Gewesenseins. Das Bild als Gemälde ist ja unmittelbare Anwesenheit; man steht vor ihm. Aber worauf es verweist, wird erst durch die Uneinlösbarkeit der Forderung klar, daß das ewige Reich der Formen mit den Vorstellungen der menschlichen Ängste, der Ohnmachtserfahrungen und der Todesdrohung unversöhnbar bleibt. Das ist eine heute alltägliche Erfahrung etwa im Verhältnis von wissenschaftlicher Welterkenntnis zu den Aufgaben alltäglicher Lebensbewältigung, oder vom künstlerischen Formpathos zur Beschränktheit und Klägiichkeit der Lebenserfahrung.

Was manche gern als Versagen des Künstlers Erich Lindenberg bewerten möchten, nämlich die Unvereinbarkeit von Abstraktion und Vorstellung, ist nach unserer Meinung mit Bezug auf Worringers 1908 publizierte und für die Entwicklung der Moderne so folgenreiche Schrift über Abstraktion und Einfühlung gerade das Zeichen der Bedeutsamkeit der künstlerischen Konzeption seiner Werke. Wie eben angedeutet, ist diese Erfahrung der Differenz von abstrakter, begrifflicher, mathematischer Operation der Welterkenntnis zur konkreten Lebenserfahrung heute Allgemeinbesitz der Zeitgenossen.
Die individuelle Erfahrung der Unangemessenheit, der Unvereinbarkeit, der Unversöhnbarkeit von Erkenntnis und Erfahrung ist für Jedes zeitgenössische Individuum verbindlich. Das einstmalige elitäre Bewußtsein der bildungsbürgerlichen Aristokratie wird heute von jedem durchschnittlichen Angestellten repräsentiert. Die Themen der Künstlerelite, der Avantgarde des Modernismus, werden von jedem Arbeitslosen mit natürlicher Anmut und willkürlicher Wut im .AIltag bearbeitet. Und Erich hat die Größe, sich als Künstler dieser Fähigkeit alltäglicher Zeitgenossen nicht zu entziehen.

Udo Lindenberg gelang es, in die vermeintlichen phrasenhaften Leerläufe subkultureller Befriedigungsexzesse Ansprüche der Poesie, der Theologie und der Politik einzubringen, die den Berufspoeten, den Berufspolitikern und beamteten Theologen längst abhanden gekommen waren.
In den weinerlich hysterischen wie illusionslos harten Exzessen massenkultureller Selbstvergessenheit, Selbstzerstörung, Selbstbestrafung glänzt mit Udo Lindenberg nicht nur der Vorschein märchenhafter Hoffnungen auf; weit darüber hinaus beschwört er mit dem dramatischen Chor musikalischer Schicksalsmächtigkeit die Einsicht in den Kern aller utopischen Produktionen, nämlich einer radikalen Kritik an der Wahrheit - an der künstlerischen Wahrheit, daß die Forderung nach Formvollendung bei gleichzeitiger Tüchtigkeit zur Erfahrung der Wirklichkeit unerfüllbar ist; Kritik an der theologischen Wahrheit, daß gerade der abwesende Gott die Sehnsucht nach Führungsverfügungen erhöht; Kritik an der historischen Wahrheit, daß selbst 50 Millionen Opfer wie im 2. Weltkrieg keinen Beweis für die Richtigkeit totalitärer sozialistischer oder totalitärer kapitalistischer oder totalitärer faschistischer Errettungsprogrammatiken der Welt liefern.

Am deutlichsten wurde diese Qualität elitärer analytischer Prägnanz von Udos massenspektakulärer Unterhaltungsanimation etwa mit Bezug auf das Verhältnis von Deutschland Ost zu Deutschland West: Lange bevor Irgendein Berufspolitiker oder ein Prof. der Politikwissenschaften in der Lage war, eine grundsätzliche Veränderung des Ost/West-Verhältnisses überhaupt in Erwägung zu ziehen, holten die Lindenberg'schen Kreischekstasen eines scheinbar bornierten Publikums von Analphabeten die unvorstellbare Zukunft in der Gegenwart eines Rockkonzerts ein. Die angeblichen Analphabeten waren In Ihrem Urteil den Profianalytikern weit überlegen Diese bisher Eliten vorbehaltenen Leistungen als völlig selbstverständliches Vermögen der Massen vorgeführt zu haben, ist das größte Verdienst des Künstlers Udo Lindenberg.

Wo die Rettung der Poesie auch bei bemühtesten Feuilleton-Manipulationen durch die Propagierung von Eliteliteraten wie eine abgekartete Machenschaft erscheint, da können die Reaktionen der Teilnehmer an einem einzigen Lindenberg-Konzert eine derartige kritische Masse entwickeln, wie man sie früher von den Herren Habermas, Enzensberger, Schirrmacher oder Grünbein erwartet hätte.
Jeder Lindenberg-Besucher erweist sich als kritisch kompetenter, analytisch schärfer und poetisch visionärer als die bestellten Elitedarsteller auf der universitären oder politischen oder der Szene unserer Feuilletons.