Frankfurter Ring-Fibel

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

2. Lektion

Wenn der Meinungsknopf schnell gewechselt werden können soll, heißt das: Der Träger des Meinungsknopfes möchte auch die auf dem Knopfe mitgeteilte Meinung wechseln. Das läßt aufhorchen, denn es gilt doch gemeinhin die Maxime: wer Meinungen wie Hemden wechselt, ist ein Gesinnungslump, ein Opportunist und charakterlos. (Allerdings werden in Deutschland laut Aussage der Textilindustrie und der Gesundheitsbehörden nur einmal wöchentlich die Hemden gewechselt.)

Die kritisch gemeinte Aussage gegenüber anderen, sie wechselten Meinungen wie Hemden, dürfte zumindest das eine zu berücksichtigen haben, daß nämlich die Meinungsknopfmeinung mit der Hemdenmeinung nicht identisch ist. Die Hemdenmeinung ist deshalb auch vor allem stadtläufig - vielleicht hat sie sich eben deshalb in den Städten zuerst durchsetzen können, weil es dort nicht auffällt, wenn einer alle drei Tage oder alle fünf Stunden seine Meinung wechselt. Das wäre eine zutiefst reaktionäre Interpretation des Phänomens.

Die fortschrittliche Interpretation müßte doch wohl betonen, daß der schnelle Wechsel der Meinungen ein gewollter Vorteil des bloßen Meinens vor dem Fürwahrhalten oder vor dem Sicherwissen oder vor der Wahrheit ist. Gewollt in erster Linie deshalb, weil es ja im Wortverstande liegen sollte, daß es sich bei Meinungen um vorläufige Aussagen handelt, die eben durch andere ersetzt oder widerrufen oder bekräftigt werden können.

Merke und lerne aus der 2. Lektion: Die Meinung des Trägers eines Meinungsknopfes ist eine widerrufbare Meinung, ein Bekenntnis auf Zeit. Je schneller einer die Meinung wechselt, desto fortschrittlicher und aufgeklärter dürfte er sein. Das führt uns zur