Bazon Brock, was machen Sie jetzt so?

Autobiographie [Die blaue Illustrierte]

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Dieses Buch beantwortet im Hinblick auf Bazon Brock die folgenden Fragen, damit sie endlich rationell beantwortet werden können für Partygäste, Berufungsgremien, Arbeitsämter, Preiskommissionen, Heiratsvermittler, Zeitungsarchive, Kritiker und alle anderen, die sich bereits Bazon Brock in brüderlichem, verantwortlichem Interesse zuneigen.

Mit wem sind Sie eigentlich zusammen?

Wo stammen Sie her, was ist das für ein komischer Name, Bazon?

Haben Sie sich schon mal selbst beschrieben, ich meine objektiv?

Das ist doch auch wieder so ein Beispiel Ihrer arroganten Art, mit anderen umzugehen, oder?

Ich habe wieder Sachen über Sie gelesen, doll, was sagen Sie dazu?

Können Sie mal kurz einige Daten geben?

Ihre Sachen von früher fand ich viel besser, nich?

Was machen Sie so jetzt?

Warum sind Sie immer so direkt?

Wie geht es Ihnen?

Ihre Sachen von früher fand ich viel besser, nich?

Fürs Gewesene gibt der Jude nichts, der Christ schon mehr. Was war, das war, und nun laß gut sein. Solche Sprichworte scheinen anzugeben, daß für die meisten von uns aus der Zukunft die Drohungen aufsteigen! Und doch bestimmt das Gewesene unser Handeln weit mehr als das Zukünftige. Ins Gewesene können wir unmittelbar eingreifen, meinen wir. Wir können es verfälschen, ummodeln, vergessen, vermischen und widerrufen, ohne daß wir kontrollierbar wären. Diese Fähigkeit des Eingreifens ins Vergangene bestimmt auch die Darstellung gewesener Ereignisse in der ästhetischen Praxis, zumal von seiten der Dabeigewesenen.
Je näher einer dabeigewesen ist, desto mehr Material steht ihm zur Verarbeitung zur Verfügung und desto größer wird der Antrieb, es zu verändern, weil man sonst das Material überhaupt nicht bewältigen kann. In Prozessen wird immer wieder deutlich, daß die unmittelbarsten Zeugen am wenigsten objektiv den Verlauf des Vorfalls schildern können. Das mag in einzelnen Fällen daran liegen, daß der Betreffende das Ereignis in der Partizipationsform 'Zuschauen' miterlebt hat es dann aber in der Partizipationsform 'Zeugenschaft' vertreten muß.

Viele der Ereignisse innerhalb der ästhetischen Praxis werden zunächst durch die Partizipationsform 'Erwartungsbestätigung oder Erwartungsstörung' bestimmt, wenn sie als gewesene bestimmt werden sollen. Die Umwandlung der Partizipationsformen schließlich verwandelt auch das Ereignis. Kritiker wundern sich, daß ein Ereignis der objektiven Materialisation nach lächerlich unbedeutend war, daß es aber dennoch von vielen als zentral betrachtet wird. Mir scheint das ganz selbstverständlich; weil sich solche Transformationen und Erweiterungen erst an Vergangenem vornehmen lassen, gilt das vergangene Ereignis, die gewesene Tat, das miterlebte Gestrige mehr, es kann sich unserer Bestimmung nicht entziehen.

Momente zur Bestimmung des Gewesenen will ich andeuten:
Wie ich eine Kugel baute, die man an einem Handtaschengriff bei sich führen konnte. Dem Innern dieser Kugel enttobte ein fürchterlicher Lärm, wenn man die Kugelfenster öffnete. Den Plan zur technischen Anfertigung der Kugel hatte WEWERKA gezeichnet.
Wie ich eine Maschine baute, die alle denkbaren Satzbildungen, ja Wortbildungen in 5 Millionen Jahren produzierte. Über einer Achse liefen 26 Zylinder, jeder Zylinder war mit dem gesamten Alphabet beschriftet. Der Mantel der Maschine war perforiert in den Abständen, die die Buchstaben auf den 26 Zylindern voneinander hatten. Man konnte das Ding in die Ecke stellen und schnurren lassen, denn eine Kamera filmte automatisch die an der Oberfläche sich bildenden Sprachformen. Dann wurde der Film am Abend angesehen. Das Tier verhalf mir zum guten Gewissen beim Spazierengehen. Die Maschinenteile hat ein Beleuchter im Luzerner Stadttheater gestanzt.
Außerdem … Interpretation des Nibelungenfilms von Fritz LANG durch Chor, siebentausend Streichholzschachteln, ein Klavier, drei Hände in Handschuhen, ein Fuder Heu, echte Alpenfelsen, Blausäure und eine Zeiteinheit.
Organisierte den Versand von Surprisepaketen im Abonnement.
Gründete 1961 ein Institut für Gerüchtverbreitung.
Entwickelte und baute 1961 den Säkularisator, der bei ständigem Laufen in fünf Billionen Jahren die gesamte gesprochene und geschriebene Literatur in lateinischen Buchstaben, …
Arbeitete als Volksaufklärer in Galerien, auf öffentlichen Plätzen und unter Wasser.
Entwickelte die Form des Agit Pop.
Proklamierte 1963 den Bloomsday und ließ ihn feiern …
Baute den Raum der deutschen Wirklichkeit: Bürgerstube, deren Interieurs vom Teller bis zum Wandbild und vom Sessel bis zum Kruzifix der Realität Rechnung tragen durch jeweilige Zuteilung mittels Stacheldraht.
Habe vieles vergessen, was ich tat. Erinnere mich gerade, 1960 das wunderbare Eisenbahnpoem aufgeführt zu haben …
Wie ich in der Nähe von Wuppertal ein Stück Landschaft mit einer Karte überzogen habe, die genauso groß war wie die auf der Karte abgebildete Landschaft.
Wie ich 'über die Verkehrsmittel in den GRIMMschen Märchen' schrieb.
Wie ich 'über die Höhe des Standpunktes' schrieb.
Wie ich für Diter ROT das Strukturprinzip der Scheiße als Haufen bestimmte.
Wie ich für ein Testamentbuch im Britischen Museum Akten wälzte und meine Utensilien dem Gegenstand angemessen mit Trauerrand bemalte – daraus ist der Entwurf eines Trauerbestecks für ROSENTHAL geworden.
Wie ich bei der Post den Antrag stellte, mein Telefon mit ins Grab nehmen zu dürfen, und zwar funktionstüchtig – die Freunde sollten anrufen können, um einige Zeit wirklich schweigen zu können, ohne bloß faul zu sein.
Wie ich auf der Hauptwache den Hausfrauen das Brot vergoldete und die Schuhe und die Uhren und die Stellflächen und die Gesichter. 'Aufhebung des Lokalkolorits durch Gold'. Merkwürdigerweise hat keiner, vor allem nicht VOSTELL, dieses Ereignis zur Kenntnis nehmen wollen, weil es wirklich das bedeutendste damals war. Das Manifest wird hier zum erstenmal abgedruckt.
Wie ich in Berlin meinen Postkartenroman, ein Gebilde, nur aus Sekundäräußerungen bestehend, verlas. Das Primärereignis erscheint überhaupt nicht mehr, es kann nur erschlossen werden, indem man die Sekundärereignisse in bestimmter Weise ordnet. CHOTJEWITZ hat zweiunddreiviertel Jahre später auch mal versucht, eine solche Mammutabwicklung an einem Strang fertigzubringen. Naja.
Wie ich HANDKE den zwei Jahre vor seinem 'Kaspar' erschienenen Band '24 Stunden' zeigte und mein Stück darin über die Vereinzelung von Gesten, Gegenständen, Spuren usw., auch solche von Texten. Wie er wörtliche Übereinstimmung feststellen konnte. Er widmete also mir das Stück; ich selbst schrieb die Widmung: äußerst herabsetzend, ja geradezu vernichtend, mich vernichtend. Wie Dr. BRAUN nicht glauben wollte, daß jemand sich selbst so kennzeichnen könne, weil er nicht verstand, daß diese Kennzeichnung sehr viel mehr über diejenigen aussagt, die über künstlerische Produktivmittel verfügen, als über mich, der ich zum künstlerischen Proletariat gehöre und den man deshalb mit Recht ausbeuten kann.
Wie BRAUN also die Widmung tilgen ließ.
Wie ich dem Theater erschloß und erfand: das White out, die Vereinzelungstechnik, den Schnitt gestischer Bewegungen in Analogie zum Film, die Transformation szenischer Einheiten ineinander, die Großaufnahme, die Querschnittechnik als Verlaufsform usw.
Wie ich WALSER einen detaillierten Plan zur Darstellung des letzten Restchens spontaner Volkskunst übergab, mit der Bitte, einen Verleger zu finden: die Pissoirlandschaften als Höhlenmalerei, schöpferische Tätigkeit außerhalb sozialer Kontrolle und wie WALSER den Plan 1963 an ROWOHLT weiterreichte, damit ich ihn nie wieder zurückbekäme.
Wie ich Pläne machte: ein Areal als klassisches Griechenland, ein anderes als römische Provinz, ein anderes als germanische Frühzeit usw. auszubauen. Die Sprachstudenten, die Völkerkundler, die Soziologen, die Ethnologen usw. wären jeweils 1 Jahr in diese geschlossenen Areale eingesperrt worden, um dort in der Kultur, die sie studierten, zu leben. Der Einwand eines interessierten Kaufmanns lautete: Wie stellen Sie sich das vor, wenn plötzlich einer operiert werden muß, die Griechen aber diese Operation noch nicht ausführen können?
Wie IDEN und ich die schönen Künste als Produktivmittel betrachten wollten und damit zu den Herren von Höchst fuhren (auf dem Rückweg brach IDEN im Auto ohnmächtig zusammen).
Wie ich für die deutsche Pepsi Cola das Staatsereignis 'Live Pepsi' konzipierte. Von den Leuten habe ich nichts wieder gehört. Schlamperei!
Wie ich bei NANNEN mal neue Formen der Veröffentlichung vorführen wollte, zu denen auch 'the living newspaper' gehört: jeden Abend um sechs geht es los, quer über die Straßen am Eschersheimer Turm, das TAT als Basis. Nun ja, es wird bestimmt noch mal ausgeführt von irgendeinem MINKStyp.
Wie ich meine Galerie am Polizeipräsidium in Frankfurt schließen mußte, weil die Polizisten nicht mehr Material von den einzelnen Verbrechen zur Verfügung stellen wollten: Entwürdigung des Andenkens Toter, wenn man deren Kleidung oder Utensilien und Lebensumstände den Menschen vor Augen führe.
Wie ich die Glückseligkeitsmaschine anrollen ließ: Ich rief die Leute auf der Straße dazu auf, ein junges Paar anzugehen, sich mitverantwortlich zu fühlen für dessen Glück. Fürchterliches Chaos, zerbrochene Gliedmaßen. Fröhliche Konstatierung am Ende durch einen Bürger: Glück läßt sich eben nicht erzwingen.
Wie ich mit dem Knaben von nebenan durch die Straßen lief. Er trug mein Bild auf dem Rücken. Mich selbst anzusehen und mir nachzulaufen, war einzige Beziehung zur Umwelt. Blaue Flecken, Stolpern bewiesen die Wichtigkeit der Autosuggestion für den modernen Künstler.
Wie ich mit SKUBIAN ein Modell anfertigte: Theatersaal, über den Köpfen der Zuschauer an der Decke befestigt die sechs mal zwei Meter lange Illustrierte 'Stern'. Das Umblättern der Seiten über die Köpfe der Zuschauer hin kann den theatralischen Gestus revolutionieren; der entstehende Wind reißt Hüte vom Kopfe.
Wie ich dem Film erschloß und erfand: die Schichtung des Zeitverlaufs außerhalb des Mediums, und wie ich durch Zuklecksen des Aktualitäts- und Aufmerksamkeitszentrums die Bildränder als Informations- und Ausdrucksträger freilegte.
Wie ich in meinen Vorlesungen Eis verkaufte, um so wenigstens das Rezeptionsniveau einer Kinoveranstaltung zu erreichen.
Wie ich den Zoppoter Seesteg ausstellen wollte und die Biegung des Spazierwegs A im Frankfurter Stadtwald. Wie diese Ausstellung immer noch bei ZWIRNER ansteht. Jeder Termin ist bisher geplatzt, weil mich irgendwer am Schlafittchen faßte und zu etwas anderem zwang.

Fortsetzung folgt in der nächsten Auflage dieser Broschüre über Bazon Brock, einen Dennoch-Künstler, wie diejenigen, denen man glaubt, sie hätten in ihrer Not mit dem Munde gemalt oder mit den Füßen. Bazon Brock malt mit dem Kopfe.
Stolz ließen besagte Maler sich als Beispiel der Überwindung schlimmsten Unrechts und größter Verbrechen, die an ihnen begangen wurden, so nennen. Die Kunst ist eben nicht aufzuhalten. Welch ein Siegeszug.

Allen Unkenrufen der Professoren zum Trotz, sagt die Gesellschaft, wird es immer Kunst geben und natürlich auch Künstler. Da haben wir es. Bergarbeiter müssen umlernen, Künstler sind krisenfest. Dreinschlagen! Dreinschlagen!