Hochschule für Bildende Künste

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes
abgedruck in den Pädagogischen Blattern der HfBK, 1967).

Nun auch Spezialisten fürs AllgemeineDie Generalistik schon bald als Studienfach an unseren Hochschulen

Vor fünf Jahren tauchte er zum erstenmal auf, und zwar in Hamburg: ein neuer Sozialcharakter, der Generalist.
Ich stellte ihn in meinem Arbeitsbereich in der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Hamburg vor - man wußte nicht so recht, was mit ihm anfangen. Der Generalist schien synthetisch hervorgebracht, retortisch erzeugt zu sein: spekulative Ausgeburt von Leuten, die den Absolventen solcher Institute neue Berufsrollen erarbeiten wollten. Es blieb nämlich schwierig, in jedermann einsichtigen Aussagen die Berufsrolle des Generalisten zu umreißen, weshalb man glaubte, Generalist sei nur eine Umbenennung der ebenso umrißlosen Berufsrolle Künstler. Aus meinen Darlegungen blieb den beteiligten Studenten, Behördenvertretern, Lehrkörpermitgliedern nur erinnerlich, daß der Generalist eine Art 'Mädchen für alles' sein sollte. Was man mit Recht ablehnte, aus Gründen seiner evidenten Unsinnigkeit. Verwunderlich für mich war es, daß das Abstraktum 'Generalist' und 'Generalistik' nicht attraktiv genug zu sein schien, um von den Beteiligten ausschließlich im Hinblick auf den Neuigkeitswert dieser Kennzeichnung und Bestimmung einer neuen Berufsrolle angeeignet zu werden.

Das hat sich geändert. Denn inzwischen sind einige andere Abstrakta ähnlicher Art adaptiert worden: der Macher, der Initiativnehmer, der Ideator, der Realisator, ja der Beweger sind immerhin vielfach eingesetzte neue Sozialcharaktere, also Positionsinhaber mit einer bestimmten Anzahl von ausfüllbaren Rollen. Auch der Generalist scheint inzwischen soziabel, öffentlichkeitsfähig und notorisch zu werden, freilich nicht deshalb, weil man sich jetzt auf den Wortappell des neuen Reizwortes eingelassen hätte, sondern weil inzwischen Funktionsbereiche des sozialen Lebens entstanden sind, die von niemand anderem als dem Generalisten ausgefüllt werden können.

In Hamburg und Köln kann man jetzt die Diskussion um die Einführung der Generalistik als Studieneinrichtung wieder aufnehmen, ohne für spekulativ abweichlerisch gehalten zu werden, zumindest im Bereich der Kunsthochschulen und deren Ausbildungsauftrag. Es wäre nicht das erste Mal, daß sich in diesem Bereich etwas außerordentlich Neues und Notwendiges durchsetzte, bevor andere soziale Handlungsbereiche wie die Universitäten einige Quadratmeter Institutsboden zur Verfügung freiräumen.

Also zunächst nochmals eindeutig: Der Generalist wird als Sozialcharakter aus dem bestimmt, was er tut, bzw. zu tun hat; Funktionen sind ausgebildet worden, die er erfüllt. Das muß erneut betont werden, da auch im Bereich der Universitäten inzwischen bloße Umtaufen aus Gründen absatz- und selbstbewußtseinsfördernder Imagepflege vorgenommen werden, bevor dem auf der Ebene der Problemkonstellationen etwas korrespondierte; als Beispiele seien zitiert: der Medienökonom, der Mediensoziologe, der Medienpsychologe usw.

Anders also der Funktionsbereich Generalistik. Wie, das soll hier kurz angedeutet werden.

Um einer leicht denkbaren Irritation des Hörers vorzubeugen und um in der Sache Abgrenzungen zu Naheliegendem und Verwechselbarem vorzunehmen, sei gesagt, daß der Generalistik betreibende Generalist nicht mit den das studium generale betreibenden Spezialisten verwechselt werden darf. Generalistik ist keine Erweiterung oder Neuformulierung dessen, was einst studium generale gewesen sein mag.

Das studium generale wurde an den Nachkriegsuniversitäten eingeführt, um fächerübergreifende Problemkonstellationen sichtbar werden zu lassen. Aber diese fächerübergreifenden Problemkonstellationen wurden nicht im Hinblick auf eine inzwischen vorgenommene Veränderung der Sachkomplexe, nicht als Resultat sich verschiebender gesellschaftlicher Handlungsfelder oder deren gegenseitiger Durchdringung bekannt, sondern ausschließlich im Hinblick auf eine emeute Anspruchsformulierung zum Begliff 'Bildung', 'Allgemeinbildung'. Das studium generale sollte diese erneute Anspruchsformulierung HUMBOLDTischer Provenience den hochspezialistischen Fachmännern gegenüber durchsetzen, nicht um ihnen zu einer Erweiterung oder Grundlegung zu verhelfen, sondern um die Begründung für nach wie vor geltende Totalitätsvorstellungen zu repräsentieren: der ganze Mensch sollte da gebildet werden, ohne daß gesagt werden konnte, wie denn das denkbar sein könnte unter der Voraussetzung differenzierter Arbeitsteilung und der Tatsache, daß die einzelnen Lebensbereiche, an denen ein Einzelner partizipiert, nicht mehr in der Institution Universität zusammengeschlossen werden konnten. Das studium generale wurde so zu einem Totalitätskleister für die zerbrochene Lebenseinheit. Das studium generale war keineswegs ein positiver Ausdruck der Schwierigkeit, diese Bruchstücke noch als selbständige voneinander zu unterscheiden oder neu zu gliedern, was ja immerhin denkbar gewesen wäre. Persönlichkeitsbildung bei partikularisierter Persönlichkeitsentäußerung ist etwas märchenhaft Naives oder raffiniert Täuschendes. Das studium generale war keines von beidem, denn es war belanglos: Repräsentation eines allgemeinen Interesses, das zu nichts Genauem und Wichtigem taugt. Was getaugt hätte, nämlich Fragen von allgemeinem studentischen Interesse: "Wie organisiere ich einen wissenschaftlichen Arbeitsgang; welche Formen der Lebensorganisation stehen mir für welche objektiven Bedingungen zur Verfügung", werden bis auf den heutigen Tag nicht wissenschaftlich abgehandelt bzw. untersucht. Deshalb kam man schnell auf den Hund, auf die allgemeine Kultur und Kunst als altbewährte Bildungsinhalte, die so unbestimmt bleiben dürfen, daß sie nur noch formal absolviert werden müssen. Und selbst das ist noch problematisch genug: bald erfuhren nämlich die am studium generale Beteiligten, daß auch das allgemein Interessierende nur auf spezielle Weise erlernt und angeeignet werden kann; daß es eben keine Möglichkeiten gibt, das Allgemeine anders als speziell anzueignen. Das bedeutet, daß die studium generale-Veranstaltungen reihum zu germanistischen oder kunsthistorischen oder politökonomischen oder zeitungswissenschaftlichen Veranstaltungen wurden. Unter der Voraussetzung von Allgemeinheit, die das studium generale oder der für es verbindliche Bildungsbegriff meint, läßt sich nicht mal der inhaltloseste Formalaspekt einer kulturhistorischen Aussage verstehen. Die Desillusionierung der am studium generale Beteiligten war um so größer, als sie entdeckten, daß das von ihnen verspürte Ungenügen an spezialistischer Einschränkung allgemein und nicht durch guten Willen und gemeinsame Anstrengung abschaffbar ist. Ernst genommene Allgemeinheitsansprüche, also Bildungsansprüche hätten in jedem Fall eine Reihe weiterer spezialistischer Vollstudien gefordert. Und das ist von niemandem zu bewältigen - allein aus zeitlichen Gründen nicht. Allgemeinbildend, verdünnte sich das studium generale zum Beiprogramm in Gestalt einer Reihe von abendlichen Veranstaltungen während des Semesters, die positionsorientierten Nachholern und Vorsorgern das Gefühl nahebrachte, die Interessen des Allgemeinen dabei zu vertreten.

Immerhin bleibt festzuhalten, daß das studium generale sich ursprünglich von dem Gedanken an ein allgemeinverbindliches Grundstudium leiten ließ, das im optimalen Fall zu einer gesellschaftspolitischen Propädeutik werden sollte. Darunter fallen für den Gutwilligen auch die Probleme einer allgemeinen Lehre gesellschaftlicher Kommunikation und der Gemeinsamkeit im Handeln, einer allgemeinen Didaktik wie einer allgemeinen Pädagogik. Wer in den vergangenen fünfzehn Jahren studiert hat, weiß, daß es dazu nur in den seltensten Fällen gekommen ist.

Mit dem Allgemeinen, das in 'Allgemeinbildung' und 'studium generale' gemeint ist, mit dem Allgemeinen, das als Hintergrundbestimmung und Kulturfolie aufgezogen wird, hat die Generalistik nichts zu tun. Ihr Allgemeines ist ein Besonderes, das keineswegs mit der durch Arbeitsteiligkeit erzwungenen Spezialisierung aufräumen will. Denn auf die Leistungsfähigkeit des spezialistischen Arbeitens kann nicht mehr verzichtet werden.

Dem Allgemeinen in Universitas und Bildung steht jenes Allgemeine gegenüber, mit dem die Generalistik zu tun hat. Dieses Allgemeine verdankt sich nicht dem Verhältnis eines einzelnen Individuums zum kulturellen Bestand einer Gesellschaft, was ja Bildung bezeichnet, sondern es ist eine Bestimmungsgröße des generellen Verhältnisses von Kultur und Natur oder von Denken und Dingwelt oder von Idee und Realität. Dieses Verhältnis zu untersuchen, war bisher Aufgabe der Philosophen. Einige Aussagen über jenes Allgemeine, die die Philosophen bisher gemacht haben, seien zitiert:
Das Allgemeine ist das in allen einzelnen konkreten Erscheinungen Identische, sagt PLATON, das niemals in einer einzelnen Besonderheit aufgeht, aber doch deren wesentliche Bestimmung ausmacht. Weil es solches Allgemeines gibt, können wir überhaupt zu Erkenntnissen kommen.
ARISTOTELES hält dagegen, daß das Allgemeine nicht mit dem Wesen identisch ist, weshalb auch das Allgemeine nicht im Besonderen als dessen wesentliche Bestimmung auftreten kann. Das Allgemeine ist vielmehr das Ziel und Resultat von Erkenntnisanstrengungen. Wissen ist Wissen dessen, was allgemein ist: was in jedem konkreten Fall mit Notwendigkeit wieder so eintreffen wird.

Ob dieses Allgemeine überhaupt als real anzusehen sei, beschäftigte die beiden wichtigsten Wissenschaftsparteiungen durch das ganze Mittelalter. Die einen behaupteten, die Allgemeinbegriffe, die Universalia seien tatsächlich existent: Struktur sei etwas real Existierendes, oder Baum oder Güte oder Vollkommenheit. Die das annahmen, wurden deshalb Realisten genannt. Ihnen widersprachen die Nominalisten, die behaupteten, daß die Universalia, die Allgemeinbegriffe nichts als historisch zufällig entstandene Namen seien, bloße Wortfürze.

Wie wichtig diese Fragen waren und in anderer Gestalt gerade jetzt wieder sind (die neue Scholastik in der Wissenschaft bricht gerade aus), zeigt ein damals just aufs eleganteste und raffinierteste erbrachter Gottesbeweis: wenn Gott die Vollkommenheit in Person ist, dann ist damit auch bewiesen, daß er existiert; denn nicht zu existieren, wäre eine Einschränkung der Vollkommenheit.

Gibt es eine Vollkommenheit als real existente, so mag dieser Gottesbeweis tatsächlich unumstößlich sein. Leider hat der Jahrhunderte dauernde Streit darüber keine eindeutigen Resultate gezeitigt. Solche waren erst wieder von dem kopernikanischen Um-und-umwender erbracht. KANT systematisierte das Problem und dabei wurde das Allgemeine als generelle Kennzeichnung des Begriffs festgestellt, das Besondere aber als Erfahrungshintergrund, als Gegenstand der Anschauung. Begriffe sind aber für KANT nicht mehr bloße Denkregeln, sondern Handlungen des Denkens. Das Handeln des Denkens besteht in der Ausbildung eines deduktiven Aussagesystems; Handlungen des Denkens als Begriffe und Erfahrungen als Anschauungen werden aufeinander bezogen, indem der Denkende das Vermögen ausbildet zu beurteilen, ob ein vorkommendes Besonderes unter ein vom Denken zur Verfügung gestelltes, von ihm entworfenes Gesetz fällt oder nicht.

Nachkantische Philosophie hat sich mit der Möglichkeit beschäftigt, das begriffliche Allgemeine und das anschauliche Besondere identisch werden zu lassen, was enorme Anstrengungen kostet. Solche Identitätsphilosophie vermag etwas Wichtiges zu leisten: sie kann erklären, wie denn das spekulativ Entworfene selber noch objektive Natur ist: wie das begriffliche Allgemeine immer schon als konkrete Besonderheit vorhanden ist: ob die einheitliche Welt in Gestalt des begrifflichen Allgemeinen oder der besonderen Erfahrung jeweils historisch entsprechend existiert; vermag wichtige Aufschlüsse über den Entwicklungsstand der jeweiligen menschlichen Lebensentfaltung zu geben.

Heute werden diese Probleme unter dem Titel der Wissenschaftstheorie abgehandelt. Es gibt etwa sechs entfaltete Positionen. Die drei entscheidenden sind

1 der kritische Rationalismus, der mit Bezug auf KANT von den abstrakten, deduktiven Aussagesystemen ausgeht und die konkrete, einzelne und besondere Erscheinung diesen Aussagen unterwirft im Wahrheitserweis einer Übereinstimmung, einer Konvergenz von Aussagen und Phänomenen;

2 der historische Materialismus, der dialektisch methodisch operiert mit Bezug auf die Identitätsphilosophie, allerdings mit der entscheidenden Erweiterung, daß die Erscheinungsweisen von Allgemeinheit und Besonderheit zusammen erst die gesellschaftliche und damit verbindliche Wirklichkeit ausmachen: auch die spekulativste Willkür des Gedankens kann noch objektiv bestimmt werden, auch die auffallendste Besonderheit einer Erfahrung im Konkreten kann noch allgemein bestimmt werden (selbst zufällige Veränderungen wie Mutationen im Bereich des Besonderen und Konkreten);

3 der funktionale Strukturalismus. Er geht davon aus, daß weder die Begriffe noch die Welt abgeschlossen und ausgemacht sind. Die Welt ist ein Chaos von Möglichkeiten, mit denen die Menschen fertig werden müssen. Das tun sie, indem sie die Zahl dieser auf sie einströmenden Möglichkeiten reduzieren mittels Ausgrenzung von Wirklichkeitssegmenten, den Systemen, die sinnvolle Beziehungen zur Umwelt garantieren. Der Zustand der Ununterschiedenheit von Allgemeinem und Besonderem ist dabei sehr wichtig, weil so die Welt in jenem hochgradigen Unbestimmtheitszustand bestehen bleibt, aus dem sich immer erneute Bestimmungen, die jedes Lebewesen braucht, ausgrenzen lassen. Die Welt nimmt so nicht ab, sie wird nicht vom Zeitverlauf verbraucht.

Allen diesen philosophischen Untersuchungen des Verhältnisses von Allgemeinem und Besonderem, von Denken und Dingen, von Kultur und Natur ist ein Resultat zu entnehmen: daß man nämlich das Denken, mittels dessen jenes Verhältnis untersucht wird, selber denken muß. Das Denken muß selber gedacht werden. Dieses Resultat wird inzwischen in allen unseren ökonomischen, sozialen, politischen, wissenschaftlichen Handlungsfeldern gesehen, etwa in der Notwendigkeit, das Planen zu planen oder mit Geld Geld zu kaufen oder die Erzieher zu erziehen. Jede Hausfrau kommt dieser Notwendigkeit nach, wenn sie ihre Reinigungsgeräte reinigt - also etwa die Kleiderbürste ausbürstet.

Hier läßt sich das Allgemeine der Generalistik nun eindeutig und bündig angeben als reflexiver Mechanismus - als das Sich-selbst-zum-Gegenstand-Haben. Spezialistische Arbeit ist auf einen anderen Gegenstand ausgerichtet, auf ein vom Handeln abgetrenntes Ziel. Das spezialistische Wissen gilt nur und ist nur brauchbar im Hinblick auf etwas Bestimmtes und Eindeutiges, das durch das spezialistische Wissen verändert oder entworfen oder zerstört wird.

Generalistisches Wissen ist auf sich selber anwendbar: Wissen des Wissens, ein Lernen, wie man lernt.

Das ist in der Tat inzwischen schon recht gut verstehbar geworden, daß man sinnvollerweise heute vor allem lernen sollte, wie man lernt, wenn das auch nicht heißen kann, daß man nur etwas Allgemeines lernt. Denn zu lernen, wie man lernt, ist etwas ungeheuer Spezielles, Besonderes, das nur ganz speziell angeeignet werden kann; aber deshalb nicht von jedem, denn der sollte ja seine notwendige spezielle Ausbildung absolvieren und ist damit doch wohl schon mehr als ausgelastet. Er kann unmöglich noch ein Vollstudium, nämlich Spezialist für das Allgemeine zu werden, absolvieren. Da aber das generalistische Wissen von der Praxis nicht abspaltbar ist - gerade für die Praxis wird ja generalistisches Wissen benötigt, um im konkreten Fall Entscheidungen über Aussagen und deren Stellenwert, Hintergrund und Bedeutungshorizont zu treffen -, dürfte hinkünftig die Lösung dieses Dilemmas darin liegen, daß in jede Gruppe von einzelnen Spezialisten eben auch ein Generalist aufgenommen wird als ein Spezialist für das Allgemeine, als ein Fachmann für die Bedingung von Bedingungen eines Flughafenbaus oder für die Folgen von Folgen einer politischen Entscheidung zum Beispiel.

Einige der wenigen bisher schon weithin bekannt gewordenen Generalisten als auch institutionell abgesicherte Mitglieder spezialistischer Arbeitsgruppen sind der Umweltschützer oder der Sozialarbeiter oder der Innereführungsoffizier. Ihnen stehen viel effektivere, aber leider den allgemeinen Augen entzogene Generalisten in Banken und Firmen und Familien gegenüber. Einige Regierungen, ja sogar Gesetzgeber stellen Generalisten nach Stellenplan in politische Arbeitsgruppen ein. Der Handlungsbereich der Leitung, Zielausrichtung und Kontrolle der gesamtgesellschaftlichen Prozesse ist evidentermaßen besonders auf Generalisten angewiesen und andererseits besonders geeignet für generalistisches Arbeiten. Denn Politik versteht sich wesentlich als ein Einbringen von Voraussetzungen und Konsequenzen und Legitimationen und Zielen in einen aktualen sozialen Prozeß, und darin liegt das wesentlichste Moment generalistischer Arbeit. Zu Zeiten der Höchstentfaltung der bürgerlichen Gesellschaft wurden solche Funktionen abgedeckt durch verinnerlichte Moral oder ethische Postulate oder eben jene ominöse Bildung, die man gerade im Hinblick auf jene Leistung nicht unterschätzen darf.

Sinnvermittlung, Zielvorgabe, Motivationssicherung als drei wesentliche Faktoren im Arbeitsprozeß können indes nicht einmal mehr bei den bürgerlich gebildeten und sozial bestimmten Organisatoren des Arbeitsprozesses vorausgesetzt werden; die Arbeit und ihre Momente selber ergeben das nicht mehr von selbst, weder, was die Konsequenzen, noch was die Bedingungen, noch was den Sinn solcher Arbeit anbelangt.

Ich selbst habe erlebt, daß es einem Richter ohne generalistische, das heißt hier wissenschaftstheoretische Vorarbeit, kaum noch möglich ist zu wissen, was das Wort 'Gewalt' im § 240 StGB für einen Sinn hat.

Es ist ohne größere Gedankenanstrengung auszumachen, was es bedeutet, wenn solche Generalisten zukünftig an den Universitäten neben den Spezialisten ausgebildet werden, wobei gleich angedeutet werden soll, daß die wahrscheinlich humanste Lösung der anstehenden Probleme fur die Betroffenen dadurch erreicht werden kann, daß auch die Spezialisten in anderen sozialen Handlungsfeldern als denen ihrer spezialistischen Tätigkeit als Generalisten tätig sein können sollten. Bei der ohnehin notwendig gewordenen sozialen Mobilität dürfte der periodische Wechsel aus spezialistischer in generalistische Arbeit durchaus zu bewerkstelligen sein.

Einen immer wieder geäußerten Einwand will ich nach Möglichkeit gleich vorweg beantworten:

Generalistik ist nicht eine Umbenennung dessen, was man so die 'Theorie' nennt. Generalistisches und spezialistisches Arbeiten sind nicht identisch mit theoretischem und praktischem.

Denn auch die allerpraktischste Verrichtung - sagen wir mal das Töpfern - hat eine Theorie, und auch die generalistischen Arbeitsverfahren beziehen sich auf Theorien. Der Theorie-Praxis-Begriff ist umfänglicher als der generalistisch-spezialistische. Was der Bedeutung des letzteren keinerlei Abbruch tut.

Es bleibt schließlich daran zu erinnern, daß einer großen Anzahl von Mitgliedern unserer Gesellschaft doch schon als unbezweifelbar gilt, daß ohne Berücksichtigung des Allgemeinen Entscheidungen - gerade politische - nicht mehr getroffen werden können.

Das heißt nach unserer Auffassung: Berücksichtigung des Allgemeinen, wie es als Grundbedingung - als conditio humana - der Tatsache gilt, daß Menschen, auch denkende Menschen, Bestandteile der Naturevolution sind, und zweitens Berücksichtigung des Allgemeinen, wie es aus der Bedingung sichtbar wird, daß das Allgemeine immer nur in der konkreten einzelnen Gestalt, in der besonderen Erscheinung erscheint. Es nützen keine allgemeinen Annahmen einer Gesetzlichkeit, gar grundgegesetzlicher Garantie und Moralität, wenn sie nicht in dem einzelnen Konkreten objektiv sind.

Ich merke, daß ich ins Posaunen und Predigen abgleite, wodurch mir immerhin noch anzumerken möglich wird, daß gerade Prophet und Priester den Sozialcharakter 'Generalist' erfüllen. Ob unsere Generalisten es mit ihnen aufnehmen können werden, hängt unter anderem davon ab, wie wir die Generalistenausbildung bewerkstelligen.