Die Anderen unter uns

Von Menschen und Pseudomenschen. Eine Science-Fiction-Anthologie

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Aus dem Englischen von Wulf Bergner. Nachwort von Bazon Brock.

Geschichte, wie sie nie, wie sie nicht anders, wie sie auch hätte sein können

Die Zeiten für das Gewesene sind schlecht geworden: denn zu lange haben die Mächtigen uns gezwungen, die Einsichten aus dem Gewesenen als Rechtfertigung für das Gegenwärtige anzuerkennen.
Man lernte, um zu wissen, wie es gewesen sei, um zu wissen, wie man es macht. Und zu wissen, wie man es macht, hieß zu wissen, wie man Macht gewinnt (und bestenfalls auch ausübt, ohne dabei selber drauf zu gehen).

Jenseits dessen, was nun einmal so zustande gekommen war als Geschichte, gab es für die Betroffenen nur eine Möglichkeit, sich über das zu verständigen, was hätte anders kommen können und hätte anders sein können: im Märchen.

Das Märchen wird zur Geschichte, wenn wir von den Historikern immer wieder hören: das habe der und der nicht gewollt, er habe das und das gewollt; aber es sei anders gekommen, denn die Geschichte sei eben kein Märchen und die in der Geschichte wirkenden Kräfte seien andere als die des Märchens.

Die Geschichtsschreibung operiert dennoch nach dem Vorbild der Märchenerzähler. Sie will einen Erklärungszusammenhang bieten, der Die Geschichte sein soll, aber doch immer nur Das Märchen wird. Denn nur im Märchen läßt sich die Komplexität der Erscheinungen zur intendierten Geschichte, zur gewollten Verlaufsvorstellung ausbilden. Und das gerade dadurch, daß im Märchen ganz offen die Irrationalität der Zwischenglieder, der Leerstellen zugegeben wird als Zauber, Wunder usw.

Die Säkularisierungsversuche der Historiker, nämlich den Zauber und die Wunder als Fügungsgeschick, als göttlichen Willen, als Heilsgeschichte, als Vorsehung zu verstehen, haben wenig dazu beigetragen, Geschichtsschreibung von der Märchenerzählung zu trennen. Sie zeigen im Gegenteil, wie stark unser Interesse daran ist, das geschichtlich Vergangene in die Form des "es war einmal" verschwinden zu lassen.

  1. es war einmal … meint, es ist so gewesen, wie es nie hat sein können.
  2. es war einmal … meint, es ist so gewesen, also können wir gar nicht anders handeln als im Zwang durch das, was gewesen ist.
  3. es war einmal … meint, es ist zwar so gewesen, aber es hätte auch anders kommen können.

Die Positionen I und III werden entfaltet in der Technik der Märchenerzählung, abgedeckt von den Entlastungsfunktionen der Märchen.

Die Position II zeigt, was man unter den wissenschaftlich entwickelten Techniken der Geschichtsschreibung versteht; was sich als streng tatsachenbezogen ausgibt. Es ist aber verständlich, daß I und III sich doch auch in Position II noch durchsetzen: nämlich im Erklärungsversuch, im Versuch, Sinn zu konstituieren, die Bedeutung des Gewesenen zu beschwören.

Die Komplexität des Geschehens im Märchen ist gerechtfertigt als schließlich sich ergebende Folgerichtigkeit: aus allem, was sich auch noch so Unglaubliches ereignete, entstehen Folgen, die zur Lösung des Geschehenen beitragen, im Sinne der Erwartung des Geschichtenzuhörers. Für 'die Geschichte' ist die Erfüllung unserer Erwartung nicht ohne weiteres gesichert. Also muß die Enttäuschung unserer Erwartung um so mehr durch aufgezeigte Ursachen-Folge-Verhältnisse untermauert werden.
Die Rationalisierung des Geschehenen wird zur Historie. Der Versuch der Erklärung wird zum Sinn der Geschichte. Die Bestätigung der Erwartung im Märchen und die Erklärung der Enttäuschung unserer Erwartung in der Geschichte sind als einander gleiche gebunden an die Zeitrelation: Vergangenheit - Gegenwart, deren Zielrichtung jeweils aus der Gegenwart in die Vergangenheit geht.

Also rückwärts.

Indessen ist uns aber doch deutlich, daß sich die Bewegung der individuellen Leben in umgekehrter Richtung ereignet.

Also vorwärts.

Hinzukommt die Erkenntnis, daß sich die zwangsweisen Folgen aus dem Gewesenen zwar als objektive darstellen lassen für die Zeit, in der damals etwas geschah - aber nicht für die Gegenwart; oder daß sich die zwangsläufigen Folgen aus dem Geschehenen zwar für die Gegenwart objektiv darstellen lassen - aber nicht für das tatsächliche Geschehen zur damaligen Zeit. Mit anderen Worten: von den zwangsläufigen Ursachen-Folge-Verhältnissen bleibt in der Geschichte nur das übrig, was an ihr Märchen ist: Entlastung zu sein gegen den Druck, den die Gegenwart auf uns ausübt.

Das besonders schmerzliche aber daran ist, daß sich nur wenige dazu verstehen können, diese Entlastungsfunktion als den eigentlichen Ausdruck von Herrschaft über uns zurückzuweisen, weil sie uns um das bringt, was Gegenwart ist.

Zumindest waren es bisher nur wenige.

Inzwischen wächst ihre Zahl. Abziehen muß man von ihnen die Zahl derer, die sich vorwiegend mit Ernst BLOCH nur scheinbar in die Umkehrung der Zeitrelation fügen: die nur scheinbar das "es war einmal" mit dem "es wird einmal sein" vertauschen. Sie vertauschen die Blindheit der Verhältnisse des Gewesenen mit der Blindheit der zukünftigen Verhältnisse. Sie vertauschen das Wunder und den Zauber nur mit der Hoffnung. Sie hoffen nur darauf, daß die Märchen wahr werden. Aber die Wahrheit der Märchen ist eben ihre Unwirklichkeit im Gewesenen.