Die Anderen unter uns

Von Menschen und Pseudomenschen. Eine Science-Fiction-Anthologie

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Aus dem Englischen von Wulf Bergner. Nachwort von Bazon Brock.

Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn

Wenn im Märchen ein Mensch fliegt und wir heute tatsächlich fliegen können, so ist dieser Hinweis nicht stichhaltig dafür, daß die Hoffnung besteht, die Märchen könnten sich erfüllen, indem wir langsam lernen das zu tun, was vor langen Zeiten nur im Märchen möglich war. Das märchenhafte Fliegen ist nur gegenüber der endgültigen Feststellung wahr, daß Menschen nicht fliegen können. Wenn wir heute fliegen, so nur deshalb, weil die Menschen nicht mehr die Menschen sind, die sich Märchen erzählen mußten, um über sich etwas Wahres aussagen zu können: nämlich daß Menschen nicht fliegen können.
Zudem ist die märchenerzählende Phantasie stark gebunden an die Vorstellungen der Unmöglichkeit, der gegebenen Naturdeterminiertheit, der Endgültigkeit. Während inzwischen die Unmöglichkeit, die Determiniertheit, nur ein Kalkulationsfaktor geworden ist, ein Moment des schlechthin Möglichen.
Die Hoffnung akzeptiert und betont nur die Möglichkeit, soweit es Unmögliches gibt. Sie entlastet nur vom Druck des Unmöglichen.

Die Umkehrung der Zeitrelation vom "es war einmal" des Märchens und der Historie zum "es wird einmal sein" ist die Methode der Science-Fiction (S.-F.).

Mit der Umkehrung der Zeitrelation kehrt sich auch deren Bedeutung um. Während sie beim "es war einmal" unseren Wirklichkeitssinn stärken sollte und konnte, wird sie beim "es wird einmal sein" unseren Möglichkeitssinn stärken: nicht nur, daß etwas möglich sein kann oder könnte, sondern daß es auch sein wird, ja muß! Wenn es nicht auch wirklich sein muß, wenn es nicht auch wirklich ist, kann es überhaupt nicht möglich sein.

In der Hoffnung auf Änderung steckt die Beliebigkeit des "es könnte anders sein". Während in der Möglichkeit "es wird einmal sein" der Zwang zur Erscheinung, zur Realisation steckt.
Für die S.-F. gilt: was immer möglich ist, ist wirklich. Wenn auch zunächst nur so, daß es unsere Ziele bestimmt, unsere Ziele als Begründungen des Handelns einführt. So daß anstelle der eigentlichen Begründung und der Motivierung als selbständige Größen, die Verbindung des Ziels mit dem Weg zu ihm tritt. Erst beim Beschreiten des Weges läßt sich das Ziel formulieren, als hätten wir die Absicht, es zu erreichen. Der Weg wird das Ziel.

An die Stelle der Handlungsmotivierung tritt der Funktionszusammenhang.
Das Ziel ist nicht wie im Märchen die abgeschlossene Ferne und der statische Fixpunkt, sondern der nach Distanz und Blickschärfe offene Horizont. Für die Beziehung Ziel - Beobachter, Gegenwart - Zukunft gilt es, gleitende Gleichgewichte zu erstellen, in welchen jede Veränderung eines Momentes die Veränderung aller anderen Momente in eben dem Maße notwendig nach sich zieht, durch welches das Gleichgewicht aufrecht erhalten werden kann.

Das ist im Hinblick auf die Investitionen für eine Zukunft von großer Wichtigkeit.
Sonst sind allein aus Gründen unvermeidlicher Defizite die angenommenen Ziele nicht realisierbar. Und die allfälligen Projekte werden mit dem logisch erscheinenden Hinweis abgetan: wer soll das bezahlen?

Aus den eben angedeuteten Gründen wird verständlich, warum langfristige Prognosen gegenüber kurz- und mittelfristigen soviel schärfer und genauer sein können, obwohl man doch eigentlich annehmen sollte, daß es genau umgekehrt sich verhalten müßte.

Zur kurz- und mittelfristigen Prognose gehört die sehr genaue Kenntnis der Umstände, die die nächsten Schritte bestimmen. Wenn aber die nächsten Schritte ausschließlich unter der Kontrolle der Zielvorstellung stehen, kann bei Annahme eines statischen Gleichgewichts der Faktoren die Bedeutung der nächsten Schritte nur ungenau, nur durch negativen Ausschluß bestimmt werden: dessen, was nicht eintreffen darf als Folge dieser Schritte unter dem Primat der Zielvorstellung.

Die Schärfe der kurzfristigen Prognosen wird unmöglich, weil die Prognose nicht zum Bestandteil des realen Verlaufs wird. Die Prognose bleibt äußerlich und aufgesetzt. Und zwar in dem einengenden Verstande, daß sie als Planung von normativer Geltung auftritt. Die Prognose wird zum Fahrplan, dessen einzelne nicht eingehaltene Stationen jeweils zum Fiasko in den Folgeerscheinungen für alle anderen, auf strikte Einhaltung konzipierten Stationen wird. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der Zukunftsforschung, der Gesellschaft klarzumachen, daß sie die erarbeiteten Prognosen nicht konkretistisch verengen darf. Die Tendenz besteht, einfach eine solche Prognose als Antizipation zu formalisieren, und dann enttäuscht zu sein, wenn es nicht gelingt, die einzelnen Positionen als erwartungsgemäß eingetretene auf dem Fahrplan abzuhaken. An diesen Schwierigkeiten laborieren die Vertreter eschatologischer oder sozialutopischer Vorstellungen. Heilslehre der Christen und Marxismus sehen sich in gleicher Weise jeweils dann zur Ohnmacht des bloßen Gründesuchens verurteilt, wenn sich der Realverlauf der Geschichte nicht an der Distanz messen läßt, die zwischen Utopie und Gegenwart abgebaut wurde. Infolgedessen werden gerade von dieser Seite immer wieder Bemerkungen gemacht, die den Unterschied zwischen 1867 und 1967 auf null zusammenschrumpfen lassen; es habe sich Wesentliches nicht geändert.

Natürlich hat sich gegenüber dem Ziel, dem Endzustand, nicht viel in 100 Jahren geändert. Aber immer natürlich nur, wenn man die statischen Gleichgewichte betrachtet. Und wenn man eben glaubt, auch Langzeitprognosen wie die Sozialutopien und die Erlösung als Fahrplan einer Entwicklung verstehen zu können, der sich die geschichtlichen Verläufe nur nachzuarbeiten hätten, um sie zu erreichen. Innerhalb der gleitenden Gleichgewichte hingegen werden an den Vorstellungen endlich zu erreichender Zustände immer Veränderungen nötig, weil sonst das Gleichgewicht nicht aufrecht erhalten bleiben könnte. Realverlauf und Erwartungsverlauf können nicht aneinder gemessen werden. Denn innerhalb solcher Gleichgewichte verschieben sich die brauchbaren Meßwerte notwendig.

Daß in der Aufgabe der Kontrollmöglichkeiten durch Aufrechterhalten der Ausgangsbasis zugleich ein Abbau an Geschichtlichkeit liegt, ist nur denen bedauernswert, die lieber auf der Unmöglichkeit, lieber auf der Nichterreichbarkeit der Ziele beharren, als ihre geschichtlichen Ausgangsbasen aufzugeben. "Man müsse doch Mensch bleiben", formuliert der Volksmund.

Man müsse bleiben, was man ist, aber dennoch nach den Veränderungen verlangen. Da die so schlechthin nicht leistbar sind, wird das als Widerlegung des Ziels und als Widerlegung unserer Möglichkeit zu handeln mißbraucht. Dann wird in der Tat auch das, was die Zukunft bringen kann, nur zu einem Märchen, wie das, was die Vergangenheit nicht brachte.

Die Zukunft ist kein Märchen.

Die Zukunftsforscher sind keine Märchenerzähler.

Was die Autoren der S.-F. als Zukunftsforscher einer bestimmten Forschungsrichtung tun, sind keine Beschreibungen von Märchen, sondern Möglichkeitsbeschreibungen, deren Gegenstände für sie ebenso wirklich sein müssen, wie sie das für die Historiker in der Geschichtschreibung sein müssen; wenigstens für die Zeitrelation Zukunft - Gegenwart, wenn also die Gegenstände und Verhältnisse einer zukünftigen Menschengesellschaft so geschildert werden, als befände sich der Erzähler oder Schreiber mitten in diesen Verhältnissen. Nahezu alle S.-F.-Geschichten werden in dieser Zeitrelation abgehandelt. Erst allmählich beginnen die Zukunftsforscher, auch die Zeitrelation Gegenwart - Zukunft auszubauen mittels der Techniken der Voraussage. Während die S.-F.-Autoren sich wesentlich der Techniken der Antizipation, der Darstellung von zukünftigen Zuständen als schon erreichten bedienen.