Rockbands. Ein Modell der künstlerischen Kooperation in Kleingruppen

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes
Gestaltung Ullrich Klaus, QART

Vorwort von Bazon Brock

Ulrich Spieß gibt nur indirekt zu verstehen, was ihn zur Untersuchung der Entstehung und Auflösung von Rockbands motiviert hat: die offensichtlich biografisch begründete Erfahrung eines Wandels sozialer Bindungsfähigkeit seiner Generationsgenossen. Nicht nur ihm galten seit der Nachkriegszeit Bands als die sozialen Formationen freier Assoziierung, von denen man annahm, daß sie beispielhaft auch für andere Bereiche der Gesellschaft werden würden.
Wie kam es zu dieser weithin geteilten Hoffnung auf neue Gesellungsformen nach dem Beispiel der Bands?
Um diese Frage zu klären, verläßt sich der Verfasser nicht auf die vorliegenden zahlreichen historischen und systematischen Klärungsversuche. Er hat sich vielmehr zugemutet, die umfangreichen, meist informellen Äußerungen aller im weitesten Sinne an der Rockszene Beteiligten durchzuarbeiten – die Mehrzahl dieser Dokumente sind für die »offiziellen« Rekonstruktionen der akademischen Diskurse nicht berücksichtigt worden. Offensichtlich hat der Verfasser bereits seit seiner Jugendzeit solche Dokumente gesammelt, weil er ahnte, welche Bedeutung ihnen zuwachsen könnte.
Der Schwerpunkt der Arbeit liegt tatsächlich bei diesen persönlichen Lesarten der Dokumente; an ihnen demonstriert der Verfasser lebendig und anschaulich, welche Schwierigkeiten es macht, im Bewußtsein späterer historischer Entwicklungen die einstmaligen Vorstellungen und Hoffnungen in ihrer damaligen Bedeutung zu erfassen. Besagte spätere historische Entwicklung sieht der Verfasser von der Industrialisierung, Mediatisierung und Kommerzialisierung dominiert. Dieser Auffassung ist schwer zu widersprechen, allerdings gab es ja eine Reihe von erfolgreichen Parallelaktionen zur Musikindustrie durch die beteiligten Musiker selber, die Vorgaben der Unterhaltungskonzerne affirmativ zu unterlaufen. Auch gelang es vielen Musikern, aus den technologischen Entwicklungen Impulse für eigenständige Mediatisierungskonzepte zu beziehen (Vermittlungsstrategien der Aufklärung - z.B. Aidskampagnen, Bürgerinitiativen, Wahlveranstaltungen). Die Skepsis des Verfassers solchen Versuchen gegenüber ist indessen zu groß, als daß er ihnen eigenes Gewicht in der Wirkungsbalance von Musik und Ökonomie zuzugestehen vermag.
Auf einer zweiten Ebene wird die Skepsis des Verfassers offenbar auch durch die Tatsache stabilisiert, daß in anderen Bereichen künstlerischer Arbeit, z.B. den bildenden Künsten und auch dem Theater, Kooperationsformen nach dem Muster der Bands sich nicht durchzusetzen vermochten. Künstler sind offensichtlich doch nur in dem Maße beispielhaft, wie sie auf ihre Individualität abheben und sich gerade nicht legitimieren oder Aufmerksamkeit verschaffen durch den Bezug auf die Gruppierungen, denen sie angehören. Bei der Darstellung der Bandschicksale durch den Verfasser kann man demnach die Hinweise auf sozialpsychologische und individualpsychologische Gründe des Scheiterns für mindestens so bedeutsam halten wie die Konsequenzen des Zugriffs der Unterhaltungsindustrie.
Die Arbeit zeichnet sich wesentlich dadurch aus, weiteren Rekonstruktionsversuchen authentisches Material zur Verfügung zu stellen, Material, das bisher nicht berücksichtigt wurde und das durch die Sichtweise des Verfassers hinreichend Anlaß böte, gängige Auffassungen zu modifizieren - auch die Auffassung des Verfassers über die Bedeutung der Musikindustrie für die Entwicklung des Gesellungstypus Rockband.

Der Kollege Friedrich Kittler schrieb zur Arbeit von Ulrich Spieß:
»Rockbands - zumal der heroischen sechziger Jahre – sind kein akademisches Tabu mehr. Ungewöhnlich an vorliegender Arbeit ist aber, daß ephemere Zeitungsartikel und -interviews ihre gesamte Materialbasis darstellen. Die wichtigsten Buchveröffentlichungen zur Rock-Geschichte sind zwar erfaßt und eingearbeitet, aber alle Beweislast liegt auf jenen zumeist mündlichen Statements von Musikern, Produzenten und Managern, die im privaten Pressearchiv des Verfassers lobenswerterweise vesammelt sind.
Das macht es vorliegender Arbeit von vornherein nicht leicht, den angemessenen Grad wissenschaftlicher Verallgemeinerung zu erreichen, verschafft ihr aber auch eine Anschaulichkeit oder Drastik, die ihresgleichen sucht.
Die Arbeit ist im ganzen wie eine Erzählung aufgebaut, die vom Werden und Vergehen einer einzigen, gleichsam idealisierten Rockband handelt. Sie beginnt demgemäß mit dem Zusammenschluß einiger junger Männer, geht von ihren ersten Tourneen zu ersten Kontakten mit Managern und Plattenfirmen über, läßt die Musiker sodann vom Live-Konzert ins Aufnahmestudio mit seinen hochtechnischen Produktionsbedingungen wechseln, um schließlich – nach mühsamen Ersatzrekrutierungen für ausgeschiedene Bandmitglieder – mit dem Zerfall der Gruppe zu enden.
Diese idealtypische Geschichte ist plastisch geschildert und mit zahlreichen Zitaten belegt.«

Die Geschichte der Rockbands, wie sie Ulrich Spieß erzählt, versetzt den Leser immer wieder in Erstaunen darüber, was er und unzählige Generationsgenossen einstmals an Vorstellungen und Hoffnungen mit der Bildung der Sozialformation Band verbunden haben - eine Geschichte der gescheiterten Hoffnungen?
Heute bewährt sich die Sozialformation Band in anderen Kulturbereichen: als Bands organisieren sich die Inszenatoren von Ausstellungen oder die jugendlichen Firmengründer im Feld der Medienagenturen, oder die Streetworker, die das Potential von Arbeitslosen und Outcasts aktivieren.
Sie verwandeln die Sozialformation Gang in die der Band durch Änderung des Vorzeichens ihrer Aktivitäten: Zerstörung wird schöpferisch, Ausschluß wird zur Exklusivität und mutloses Mitläufertum zur findigen, ja raffinierten Einpassung in Nischen der kulturellen und sozialen Gegebenheiten.