Wissen im Wandel (Funkessay)

Emanzipatorische Errungenschaften der Kulturindustrie

1 Emanzipation als Begriff und sprachlicher Sachverhalt

Es scheint sinnvoll zu sein, bevor man über einen Sachverhalt spricht, sich darüber zu einigen, wie man über den Sachverhalt sprechen will, denn Sachverhalt und Sprache sind voneinander abhängig. Bestimmte Sachverhalte treten nur im Gebrauch bestimmter Sprachen auf. Ja, häufig sind auftretende Sachverhalte ausschließlich (meta-) sprachliche Sachverhalte. Es ist also zu klären, ob der hier abgehandelte Sachverhalt von der Sprache, in der man ihn abhandelt, unabhängig ist oder nicht.
Ist der Sachverhalt von einer bestimmten Sprache abhängig, weil er zuerst in ihrem Aussagenkontext und Gebrauch entstanden ist, dann heißt das, ihn dort zu re-definieren und für unsere Zwecke in andere Sprach- und Interessenbereiche zu übersetzen.
Im Gebrauch der soziologischen Fachsprache ergibt sich der Sachverhalt 'Emanzipation' etwa auf folgende Weise:
'Emanzipation' meint einen auf die Besonderung und Entfaltung einzelner Menschen ausgerichteten Prozeß der Arbeit und Erkenntnis, dessen Resultat 'Individuierung' ist. Erkannt und bearbeitet werden die Bedingungen der Existenz solcher Einzelner mit dem Ziel, sich diesen Bedingungen nicht mehr blind unterwerfen zu müssen.
Diese Übersetzung des Sachverhaltes 'Emanzipation' in eine andere Sprache ist für jemanden, der die soziologische Fachsprache nicht beherrscht, kaum aufschlußreicher als das Fachwort 'Emanzipation' selber, eben deswegen, weil der Sachverhalt an die sprachliche Operation gebunden ist. 'Emanzipation' einfach mit 'Befreiung' zu übersetzen, würde zur Darstellung des Sachverhaltes nichts beitragen, da das umgangssprachliche Wort 'Befreiung' eben einen anderen Sachverhalt als 'Emanzipation' meint. Man könnte vorschlagen, jeweils dort, wo ein Fachwort - also ein von der Sprache unmittelbar abhängiger Sachverhalt - dargestellt werden soll, einen ganzen Schwanz von Erklärungen anzuführen. Das wäre jedoch ein zu umständliches Verfahren und würde das Übersetzungsproblem in andere Erfahrungsbereiche nicht ersetzen können.
Emanzipation und Kulturindustrie sind soziologisch-philosophische Begriffe. Wenn das richtig ist, wäre es ziemlich sinnlos, mit Menschen, die die soziologisch-philosophische Fachsprache nicht beherrschen, über die Sachverhalte Emanzipation und Kulturindustrie zu sprechen. Da aber auch die Nicht-Soziologen und Nicht-Philosophen tagtäglich gezwungen werden, das Vorhandensein solcher Begriffe zur Kenntnis zu nehmen, und da sie darüber hinaus sogar aufgefordert werden, endlich zu begreifen, daß auch das Leben der Nicht-Philosophen und Nicht-Soziologen durch soziologische und philosophische Sachverhalte bestimmt wird, besteht der Leser mit Recht darauf, gezeigt zu bekommen, wie man sich aus diesem Dilemma retten kann. Der beste und richtigste Weg aus diesem Dilemma wäre der, Nicht-Soziologen eben zu Soziologen zu machen. Es liegt aber auf der Hand, daß dazu den meisten Nicht-Soziologen die Voraussetzungen fehlen.
Ein zweiter Weg aus diesem Dilemma bestünde darin, zu den sprachabhängigen Sachverhalten annähernd ähnliche zu finden - also etwa nicht-sprachlich-gebundene Sachverhalte aus dem Lebens- und Erfahrungsbereich von Nicht-Soziologen mittels derer Umgangssprache zu beschreiben. Diesen Vorgang nennt man umgangssprachlich: etwas bewußt machen, d.h. einen Sachverhalt mittelbar kennenzulernen, indem man sich bemüht, ihn sprechend aufzuspüren. Es bleibt zu betonen, daß auf diesem Wege des Bewußtmachens (durch Übersetzung von nicht-sprachlichen in sprachliche Sachverhalte) niemals Begriffe gefunden werden können, die erst die praktische Arbeit des Denkens ermöglichen. Also kann hier nicht gedacht, sondern nur gesprochen werden.
Wenn Nicht-Fachleute über sprachunabhängige Sachverhalte sich verständigen wollen, dann benutzen sie die Sprache gleichsam als Instrument. "Sie wissen schon, was ich meine . . .", sagen sie, wodurch angezeigt wird, daß der sprachliche Ausdruck sich dem Sachverhalt nur annähert, ihn aber nicht ganz faßt. Das Instrument ist offensichtlich nicht präzis genug, um genau mit ihm arbeiten zu können. Wenn Nicht-Fachleute sich über den Sachverhalt 'Emanzipation' unterhalten, dann sagen sie etwa: ". . . na, Sie wissen schon, was ich meine . . . Befreiung und so . . . gleich sein, glücklich sein, frei und nicht geknechtet sein, befreit, unabhängig sein, in Frieden leben, ohne Angst leben, sich etwas leisten können, gelöst sein, natürlich sein können, etwas darstellen, eine Persönlichkeit sein, anerkannt werden . . ." Alle diese Worte sollen ungefähr das gleiche meinen, nämlich Emanzipation. Emanzipatorische Errungenschaften wären dann so ausgedrückt: Möglichkeiten und Wege und Verfahren, sich zu befreien, jemand zu sein usw.

Geht man auf die gleiche Weise anhand des Wortes Kulturindustrie vor, dann dienen zur Verständigung über das, was man nicht ausdrücken, sondern nur in etwa meinen kann, folgende Worte: ". . . Kulturindustrie … ist, . . na, Sie wissen schon . . ., das, was mit der Kultur zu tun hat, also mit Kunst und so, mit der Frage, ob die Leute Kultur haben und wie ihnen Kultur beizubringen ist, also - ob sie noch mit den Fingern essen und vielleicht auf den Fußboden spucken, ob sie einen Sinn für das Höhere haben und die Schönheit, ob sie auch mal über ihr Leben nachdenken und nicht immer nur fressen und saufen, ob sie nur den ganzen Tag roboten oder auch mal ins Theater und in die Oper gehen, ob sie nur gerade ihren eigenen Namen schreiben können oder auch mal ein gutes Buch lesen . . ."
Die Verständigung von Nicht-Fachleuten über den vermeintlichen sprach-unabhängigen Sachverhalt 'emanzipatorische Errungenschaften der Kulturindustrie' ließe sich dann etwa so wiedergeben: Man muß jemand sein können - und man ist jemand, wenn man Kultur hat. Kultur haben heißt: sich anständig, sich nicht wie der 'letzte Mensch' aufzuführen, Sitten haben, geistig interessiert sein. Das ist gewährleistet, wenn man die Möglichkeit hat, Bücher zu lesen, ins Theater zu gehen, sich ein Heim einzurichten, das die materiellen Voraussetzungen für ein zivilisiertes Leben bietet. Wenn man diese Voraussetzungen hat, dann kann man sich unabhängig fühlen, dann kann man sich mit anderen vergleichen, dann wird man von anderen anerkannt.
Die Kulturindustrie stellt alle jene Gegenstände her, die zu diesem Ziel führen: Möbel und Eßbestecke, Teppiche und Fernsehen, Bücher und Filme, Gemälde und Kleidungsstücke, Seifen und Hauttonika, Fußschweißverhinderungsmittel und Pickelentferner, Geruchshemmer und Theateraufführungen. Wenn man nach den emanzipatorischen Errungenschaften der Kulturindustrie fragt, wird also gefragt, ob der Erwerb und der Gebrauch der von der Kulturindustrie hergestellten Gegenstände die sie gebrauchenden Menschen frei macht, sie unabhängig macht, sie zu Persönlichkeiten macht. Der springende Punkt ist also die Frage, ob vorwiegend ganz materielle Gegenstände etwas eigentlich doch nicht Materielles bewirken können.
Unsere Nicht-Fachleute beantworten diese Frage in ihrer Darstellung von vornherein eindeutig mit "ja", wenn sie also das Nichtmaterielle eben gleichsetzen mit dem Gebrauch der materiellen Gegenstände. Persönlichkeit ist, wer über die obengenannten Gegenstände verfügt.
Es gibt allerdings auch Nicht-Fachleute, die meinen, daß immaterielle Gegenstände, die sie Werte nennen, etwas ganz anderes seien als die durch den Gebrauch von materiellen Gegenständen erreichbaren Ziele. Diese Nicht-Fachleute sagen, Persönlichkeit zu sein, frei zu sein, etwas darzustellen, bedeute etwas ganz anderes als ein gesittetes Haus zu haben und kulturelle Veranstaltungen zu besuchen. Wenn man aber von ihnen erfahren will, wie sich denn anders befreite Persönlichkeiten erkennen lassen, dann fallen sie doch wieder zurück auf Schilderungen von Sachverhalten, die sie eben noch als nicht zutreffend bezeichnet hatten.
Solche Menschen sagen von sich, sie seien Kultur-kritisch oder Kulturindustrie-kritisch. Sie berufen sich auf emanzipatorische Errungenschaften, die nicht durch die Kulturindustrie, sondern durch Kulturhandwerk erreicht würden; für sie heißt, Kultur zu haben, von vornherein nur mögliche Leistung eines Einzelnen oder Einzelner. Sie sagen, Kultur sei nicht das, was einer Unzahl von Einzelnen als Masse angeboten oder aufgenötigt wird. Sie sagen, das Ziel und die Absicht der Kulturindustrie seien nicht emanzipatorische Errungenschaften, sondern deren Gegenteil, nämlich . . . "na, Sie wissen schon . . . Unterdrückung, Versklavung, Dummheit, Angst und so . . ." Für solche Leute schließen sich die Sachverhalte emanzipatorische Errungenschaften und Kulturindustrie aus, denn sie bezeichnen etwas Gegensätzliches.
Setzt man voraus, daß alle solche Überlegungen von den tatsächlich in unseren Gesellscllaften lebenden vielen Millionen von Menschen ausgehen, daß also nur auf dem Wege industrieller Massenproduktion für alle etwas produziert werden kann, und fragt man dann die kulturkritischen Argumentierer, auf welche Weise sie mit dem Problem der großen Zahl der Betroffenen fertig werden wollen, dann sagen sie: ". . . wir haben gar nichts gegen die Notwendigkeit der Kulturindustrie als solcher, sondern wir sind nur gegen eine Kulturindustrie, die keine emanzipatorischen Errungenschaften hervorbringt . . ." - womit sie sich in einem Leerlauf der Argumentation bewegen, da sie gerade vorher behauptet haben, daß sich Kulturindustrie und emanzipatorische Errungenschaften ausschließen.

Diesen Tatbestand kann man auch andersherum beschreiben, wobei deutlicher wird, was man meint, dies aber nur ganz undeutlich gesagt werden kann, wenn man keine Begriffe hat, wenn man also nicht in einer Fachsprache spricht. Die Umkehrung lautet demnach: Kulturindustrie ist in jedem Fall gleichbedeutend mit emanzipatorischen Errungenschaften; nur auf dem Wege der kultur-industriellen Produktion lassen sich emanzipatorische Errungenschaften erreichen. Es gibt gute Gründe, diese Auffassung zu vertreten. Fürs erste dürfte es aber ausreichen, wenn man sich auf die Aussage einigt, daß bestimmte Errungenschaften der Kulturindustrie emanzipatorisch seien, andere nicht. Einigt man sich auf diese Aussage, dann ist es nicht möglich, doch wiederum die gesamte Kulturindustrie als anti-emanzipatorisch zu kritisieren. Die Kritik hätte sich auf eben diese teilweisen anti-emanzipatorischen Errungenschaften zu beschränken.


2 Emanzipation als Angebot der Kulturindustrie-
Beispiele für emanzipatorische Errungenschaften der Kulturindustrie

Erstens: Produkte der Kulturindustrie (wie man sie etwa als Kosmetika konsumiert) befördern als emanzipatorische Errungenschaft die Gleichheit der Menschen.

Zweitens: Produkte der Kulturindustrie (wie wir sie als Foto, Film und Fernsehen konsumieren) befördern die emanzipatorische Errungenschaft der Individuierung oder Persönlichkeitsbildung.

Zu 1: Die nicht-fachmännische Meinung vom Sachverhalt der Gleichheit geht - wie man sagt - ganz naiv davon aus, daß eine Voraussetzung für Gleichheit Ununterscheidbarkeit sei. Ununterscheidbarkeit etwa im Bereich des Anblicks, den man anderen bietet. Dahinter steckt die Jahrhunderte alte Erfahrung, daß die Menschen von Natur aus ungleich sind.
Bezogen auf die Erscheinung, die man anderen bietet, heißt das, daß einige Menschen schön seien, andere aber häßlich. Die Kennzeichnungen 'schön', 'begehrenswert', 'angenehm' und die negativen Kennzeichen 'abstoßend', 'unangenehm', 'widerwärtig', 'häßlich', 'ekelerregend' würden und werden festgemacht an der Erscheinung, die man anderen bietet. Im überdeutlichen Extremfall hieß das, wer eine abstoßende Triefnase, ekelerregende Hautpusteln, irritierende Stiel- oder Schielaugen, tierisches Gebiß und womöglich auch noch unheimliche Warzenbildungen auf seinem Gesicht anderen zur Schau stellen mußte, der wurde als Hexe geächtet. Das heißt, gesellschaftliche Ächtung und Ungleichheit wurden festgemacht an durch die Natur einzelnen Menschen aufgezwungenen Merkmalen, die von allgemeinen Vorstellungen und Normen dessen, was normal oder gar bevorzugenswert sei, abwich. Die Benutzung der von der Kulturindustrie hergestellten kosmetischen Artikel kann solche Ungleichheit bezeichnenden und soziale Achtung nach sich ziehenden Erscheinungsbilder von Menschen verändern.
Kulturindustrie-kritisch Argumentierende würden sagen, daß die Kosmetik die Erscheinungsbilder der Menschen manipuliert. Kulturindustrie-kritisch Argumentierende lehnen diese Manipulation ab. Allerdings erkennen auch sie an, daß es eine emanzipatorische Errungenschaft ist, wenn Menschen nicht mehr nach ihrem Erscheinungsbild beurteilt werden. Sie sagen allerdings, daß dieses Ziel auf einem anderen Wege erreicht werden sollte. Anstatt das Erscheinungsbild der Menschen zu ändern, sollten die Normen, die Schönheitsideale verändert werden. In unserem Beispiel hieße das, die hexengesichtigen Menschen sollten nicht veranlaßt werden, ihr Erscheinungsbild zu ändern, sondern die Gesellschaft sollte ihre Normen und Ideale ändern, damit ein 'abstoßend' aussehender Mensch nicht mehr geächtet wird.
Mir scheint, daß es sehr viel länger dauerte, diesen zweiten kulturindustrie-kritischen Weg zu beschreiten, als den ersten. Der erste Weg des kosmetischen Manipulierens hat in kürzerer Zeit zu größeren Erfolgen geführt, er ist wirksamer unter den bestehenden Bedingungen. Zumal gerade durch kosmetische Manipulation besonders eindeutig die Normen und Ideale der Gesellschaft verändert worden sind.
Die kultur-kritisch Argumentierenden sagen, daß eben darin die Gefahr liege, der sie begegnen wollen. Durch kosmetische Manipulation hätten sich zwar andere, aber genauso verbindliche Normen und Ideale hergestellt, denen heute praktisch alle Menschen unserer Gesellschaft unterlägen. Wir seien demnach keinen Schritt weitergekommen.
Dieser Feststellung widersprechen die Tatsachen, daß für diesen konkreten Fall heute kaum noch soziale Ächtungen an dem Erscheinungsbild, das jemand anderen bietet, festgemacht werden können. Dem widersprechen nicht die sehr häufig zu hörenden Urteile über langmähnige Hippies oder ungewaschene Clochards, denn diesen Personengruppen geht es ja im wesentlichen darum, sich von anderen zu unterscheiden, wobei sie durch ihr Auftreten Urteile hervorrufen, die ihnen bestätigen, daß sie ihr Ziel erreicht haben. Zum anderen ist natürlich auch Hippieaufmachung kosmetische Manipulation, die beliebig widerrufbar ist, also nicht mehr unaufhebbare Erscheinung der Natur.

Zu 2: Unter Voraussetzung der vorhin zitierten Auffassung über das, was eine Persönlichkeit sei (etwas darstellen, anerkannt werden, gebraucht werden), ließe sich sagen daß Persönlichkeit in erster Linie sichtbar wird durch die möglichen Beziehungen, die jemand zu anderen eingehen kann, durch die Formen solcher Beziehungen und deren Bedeutung für andere.
Dazu ist notwendig, daß jemand, der eine Persönlichkeit ist, sich selbst wie einen anderen und als einen anderen erkennen kann, daß er sich selbst von außen betrachten und feststellen kann, auf welche Weise er ein jeweils anderer geworden ist, wie und wodurch er sich als Persönlichkeit entwickelt hat und weiterentwickelt.
Die Kulturindustrieprodukte Film, Foto und Fernsehen sind in gleichem Maße geeignet, jemandem die Wahrnehmung seiner selbst von außen zu ermöglichen. Film, Foto und Fernsehen sind drei unterschiedliche Instrumente bzw. Medien der Vergegenständlichung.
Jedermann könnte sich heute dieser Leistungen der Medien bedienen, weil es eben möglich ist, sich die Kulturindustrieprodukte Film, Foto und Fernsehen billig anzueignen.
Das war nicht immer so, weshalb in früheren Zeiten nur den wenigen privilegierten Gesellschaftsmitgliedern solche Techniken der Objektivierung zur Verfügung standen (Biographie, Portrait oder Spiegelsaal).
Noch heute haben viele ältere Menschen große Bedenken, sich dieser Leistungen der Medien zu bedienen, weil sie glaubten, ihnen stehe das nicht zu, und weil sie fürchteten, wenn sie sich ihrer bedienten, sich nicht wiederzuerkennen, und weil sie fürchteten, nicht dem Bild zu entsprechen, das sie gern von sich hätten, damit sie anderen akzeptierbar werden.
Allerdings ist die Nutzung solcher emanzipatorischen Errungenschaften der Kulturindustrie noch recht selten, die Kenntnis der Objektivationsleistungen noch sehr gering. Das heißt aber nicht, daß Film, Foto und Fernsehen keine emanzipatorischen Errungenschaften hervorbringen könnten.
Es ist keine Frage, daß die Kulturindustrie bald selbst Anleitungen zur Nutzung emanzipatorischer Errungenschaften herstellen wird, die natürlich wiederum als Produkte erscheinen werden. Bis dahin bleibt es Zufällen überlassen, ob man die Möglichkeiten nutzt, ob man zum Beispiel einmal versucht, mit den lebensgroßen Fotografien seiner selbst zu leben, ob man auf dem Wege der Super-acht-Familien-Sonntagsfilmerei kontrolliert, wie es mit den eigenen Fähigkeiten steht, einen entworfenen Handlungsrahmen tatsächlich auszufüllen, seine Handlungsweisen an denen anderer zu kontrollieren, einen Handlungszusammenhang herzustellen und sichtbar zu machen. Denn selbstverständlich muß das gelernt und geübt werden. Die stille Sehnsucht danach scheinen schon sehr viele Menschen zu kennen, wie man sehr deutlich aus ihrem Verhalten als Publikum in Fernsehsendungen, bei Filmreportagen oder bei besonderen Familienereignissen, die festgehalten, erinnerbar und vervielfachbar gemacht werden sollen, beobachten kann.
Es ist leider nicht möglich, auf ähnliche, wenn auch nur kurze Weise die emanzipatorischen Errungenschaften anderer Kulturindustriegüter darzustellen. Bei einer flüchtigen Übersicht lassen sich etwa Zuordnungen von Kulturindustriegütern und emanzipatorischen Errungenschaften so klassifizieren:
- Mode bewirkt Abbau gesellschaftlicher Zwänge;
- Fertiggerichte bewirken Vermeidung nicht notwendiger Arbeit;
- Papierkleidung bewirkt Erweiterung des gestischen Ausdrucksvermögens;
- Wegwerfprodukte, Einwegprodukte bewirken Minderung der Fixierung auf einen besessenen Gegenstand;
- die Normierung von Geräten und Umgebungen bewirkt Bereitschaft zum Austausch und schnelleren Wechsel;
- die Erhöhung des Warenangebots bewirkt Verfügungsbefähigung aller;
- Modellwechsel (Vergrößerung der Artenangebote) bewirkt Einschränkung der Neuigkeitsabwehr.

Wer nachdrücklich kulturindustrielle Produktionen auf solche emanzipatorischen Errungenschaften hin untersucht, wird aller Wahrscheinlichkeit nach kaum noch bereit sein, den alten Widerspruch von Kulturindustrie und Emanzipation für unüberbrückbar zu halten. Auch dann nicht, wenn sich - wie in folgendem letzten Beispiel - dabei die allerbedenklichsten Resultate ergeben.
Der Kulturindustrie wird - soweit sie es mit der bildenden Kunst zu tun hat - vorgeworfen, sie beraube die künstlerischen Aussagen ihrer emanzipatorischen Kraft, indem sie diese künstlerischen Aussagen zu bloßen Waren herabwürdige und durch Vermarktung zerstöre. Zu solchen Vorwürfen gehört natürlich die Auffassung, die bildende Kunst sei per se gegenüber der industriegesellschaftlichen Realität emanzipatorisch. Wäre sie das, so könnte ihr Wert durchaus nicht im Markte zerstört werden.
Es steht aber zu befürchten, daß entgegen dieser Auffassung erst diejenige Kunst wahrlich Emanzipation befördern kann, die dazu beiträgt, unserer Gesellschaft den Glauben zu nehmen, wir könnten noch durch künstlerischen Ausdruck die Probleme der Emanzipation Einzelner lösen: Wenn also der Markt, wenn also die Kulturindustrie die künstlerischen Aussagen zerstörte, so wäre das aufklärerisch und emanzipatorisch, weil jedermann sichtbar würde, daß die emanzipatorischen Qualitäten der Kunst für eine hochentwickelte Industriegesellschaft nur noch äußerst gering sind, ja daß Kunst nur noch von dem Gesichtspunkt ihrer Verwertung am Markte lebt.
Bei solchen Überlegungen ist allerdings die Grenze nicht-begrifflicher, nicht-fachsprachlicher Darstellung erreicht, weil es zu solchem entscheidenden sprachabhängigen Sachverhalt auch keinen entfernt ähnlichen nicht-sprachlichen gibt.