Glosse für den Norddeutschen Rundfunk

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Deutsche Innerlichkeit. Das Beispiel Horst Janssen

Party-Beobachtung, am 10.09.1970 zu einer Glosse verarbeitet

Bei meiner letzten Begegnung mit Horst JANSSEN dokumentierte er, was deutsche Innerlichkeit heißt.
Im Salon des Spiegel-Herausgebers warf er mit delikaten Appetithäppchen um sich, bevor er sich weinend in den Schoß des Direktors des Kaestner-Museums rettete. Die etwas konsternierten Gäste wurden von Wieland SCHMIED darauf hingewiesen, daß man Künstler niemals nach dem beurteilen dürfe, was sie tun, sondern danach, was in ihrem Inneren vor sich geht. Und im Inneren Horst JANSSENs soll nach Auffassung der Hamburger Bürger sehr viel vor sich gehen, vor allem das, was in ihnen selber vor sich geht.

Innerlichkeit heißt: Werte gegen Güter setzen. In dem historischen Kampf des Bürgertums mit dem Feudalismus waren die Bürger gezwungen, zur Aufrechterhaltung ihres Selbstverständnisses etwas zu entwickeln, was ihnen von niemand, auch nicht von den damals Mächtigen zu nehmen oder zu zerstören war, eben jene sogenannten inneren Werte der Seele, des Gemüts, des Willens und der Vorstellungskraft.

Die historische Situation hat sich heute insofern verändert, als die meisten Bürger heute die Mächtigen von damals geworden sind und sich deshalb für Güter anstelle von Werten entschieden haben. Deshalb sind diese Bürger gezwungen, sich Leute zu halten, die die Werte, die sie einst so groß gemacht haben, heute noch repräsentieren. Werte wie Spontaneität, Entschlußkraft, wie Kreativität und vor allem Irrationalität.

Mit aufrichtig sichtbarer Schadenfreude läßt sich heute sagen, daß Horst JANSSEN, der Leib ist, in dem jene Innerlichkeit chaotisch tobt. Er ist ein Genie und gerade das macht ihn so bedeutungslos.
Ein Künstler wie JANSSEN bildet in seinen künstlerischen Hervorbringungen nur nach, was die bürgerliche Gesellschaft insgeheim beherrscht: Irrationalität.

Irrationalität in der Produktion, Irrationalität im Militärwesen, Irrationalität in der Gesetzgebung, in der Verwaltung.

Aber mit der langsam sichtbar werdenden Möglichkeit der Überführung solcher Irrationalität in Rationalität, in planendes, kontrolliertes Handeln, werden die bürgerlich irrationalen Werteproduzenten (Künstler) und die irrationalen Güterproduzenten gleichermaßen untergehen.