Kunst und Medien - Materialien zur documenta 6

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 132

2 Funktion, Struktur und Entwicklung der documenta 6

Redaktion:
Herr Prof. Brock, Sie haben bereits im audiovisuellen Vorwort der documenta 5 darauf hingewiesen, daß es nicht nur um Wirklichkeiten und Abbilder geht, sondern daß ein zentraler Aspekt die Vermittlung von Botschaften durch Medien ist. Haben Sie zum Konzept der documenta 6 direkt oder indirekt beigetragen?

Brock:
Ich habe zum Konzept der d 6 nicht direkt beigetragen. Indirekt allerdings, insofern nämlich die d 6-Macher sehr stark auf das Konzept der d 5 fixiert waren. Lothar Romain führt das auch in seiner Einführung ins Konzept der d 6 aus. Die Bedeutung des thematischen Konzepts der d 5 ist auch den d 6-Machern erst spät aufgegangen: da war es dann schon zu spät, um noch aus dem Bann der d 5 zu entkommen. Sollte das "Medienkonzept "der d 6 so gelten wollen, wie man es veröffentlichte, dann ist meinem Urteil nach noch kein großer Schritt über die d 5 hinaus getan worden. Eher ein großer zurück, denn das d 5-Konzept wird von einer Theorie getragen, d.h. es gab einen einheitlichen Gesichtspunkt und einen einheitlichen Aussagenzusammenhang, unter dem das Ausstellungsmaterial der d 5 gesehen werden konnte. Diesen Zusammenhang hat die Besucherschule der d 5 dem Publikum angeboten. Einen solchen einheitlichen Aussagenzusammenhang scheint es für das Konzept und die Objekte der d 6 nicht zu geben, weshalb man sich auch schwer damit tut, das Medienkonzept überhaupt für ein leistungsfähiges Konzept zu halten. Da die räumlichen und materiellen Gegebenheiten der documenta wie aller anderer mir bekannten Ausstellungsinstitute äußerst begrenzt sind, glaube ich nicht, daß es gelingen kann, den unabdingbaren Aussagenzusammenhang für alle Ausstellungsobjekte durch eine Hängung und andere materiale Maßnahmen zu repräsentieren. Man bleibt also doch wohl darauf angewiesen, den Aussagenzusammenhang dem Publikum, soweit man ihn überhaupt zu erstellen bemüht war, auf andere Weise anzubieten.
Romain schreibt recht treuherzig, die Brock'schen Ausführungen des Konzepts der d 5 seien gar nicht auf die damalige Situation und die damalige Ausstellung bezogen gewesen, sondern gewissermaßen eine Antizipation der Gegebenheiten, die heute die d 6 eröffne. Das Urteil sei deshalb gerechtfertigt, meint Romain, weil die d 5 tatsächlich weitgehend nichts anderes gezeigt habe als die individuellen Mythologien, das Lieblingsprojekt von Szeemann. Dem muß energisch widersprochen werden, denn die individuellen Mythologien waren nur ein Objektbereich innerhalb der Ausstellung der d 5; was meine Antizipationen anbelangt: ein Konzept ist schlüssig, also begründbar oder es ist es nicht. Mir scheint das d 5 -Konzept diesen Anforderungen auf eine Weise entsprochen zu haben, wie kaum eine andere Ausstellung zuvor. Man lese doch jetzt noch einmal die Besucherschule im d 5-Katalog nach, vielleicht fällts manchen doch wie Schuppen vom Kopfe.
Die d 6-Macher hätten sich sehr viel Arbeit und Umwege ersparen können, wenn sie offen und ohne Profilängste die Arbeit der d 5 angenommen hätten, um dann einen Schritt weiter auf die integrierte Ausstellung zu machen, auf die wir ja alle noch warten. Integrierte Ausstellung hieße, den Aussagenzusammenhang nicht nur außerhalb der eigentlichen Ausstellung zu repräsentieren, sondern innerhalb der Ausstellung zur Geltung zu bringen. Das hat die d 5 nicht geschafft, hat es allerdings in richtiger Einschätzung der Mittel und Kräfte auch gar nicht versucht. Aber, vielleicht geschehen ja noch Wunder bis zum Eröffnungstermin der d 6.

Redaktion:
Bei der d 4 und der d 5 gab es von Ihnen inszenierte Besucherschulen. Werden Sie anläßlich der d 6 etwas ähnliches oder vergleichbares durchführen?

Brock:
Ein kleines Wunder ist - wenigstens in meinen Augen - schon geschehen. Ich habe soeben, also drei Wochen vor der Eröffnung, von Dr. Schneckenburger die Möglichkeit erhalten, die von mir zur d 4 1968 erstmals eingerichtete Besucherschule auch zur d 6 wieder zu etablieren. Mit einer neuen technischen Anlage und vor allem mit voller Unterstützung durch Schneckenburger.

Redaktion:
Wie würden Sie diese Besucherschulen charakterisieren? Handelt es sich dabei um eine öffentliche Form von Kunsttheorie oder um etwas, was selbst insgesamt den Charakter eines ästhetischen Ereignisses hat?

Brock:
Die Besucherschule hat - so verstehe ich meine Aufgabe - mehr zu leisten als die ortsüblichen Ausstellungsführungen, die richtigerweise nur Daten und andere Informationen über die vielfältigsten Objekte der Ausstellung geben können. Die Besucherschule hat dem Publikum einen Vorschlag zu demonstrieren, wie man denn die Vielzahl der Objekte einer Ausstellung unter einem einheitlichen Gesichtspunkt, in einem Aussagenzusammenhang sehen und aneignen kann. Ja, die Voraussetzung für jegliche Aneignung ist geradezu, daß es möglich wird, einen Aussagenzusammenhang zu bilden. Man könnte auch sagen, daß Aneignung dann gelungen ist, wenn dem Besucher ein solcher Aussagenzusammenhang über die Vielzahl der Objekte gelingt. Wir wissen doch inzwischen, daß die Vorgänge der Produktion und Rezeption ihrem Wesen nach gleich sind: sie sind beide Produktionen, tätige Hervorbringungen. Nur in Umfang und Verwendungszweck unterscheiden sich die tätigen Hervorbringungen von Rezipienten und Produzenten.
Die starre Erwartungshaltung des Publikums gegenüber den Ausstellungsereignissen führen dazu, daß das Publikum glaubt, mit dem fordernden Ruf "Herr Künstler, bitte Bedienung" schon seine Schuldigkeit getan zu haben. Mit einer solchen Haltung kann einem Aneignung nicht gelingen.
Die Besucherschule demonstriert also, wie jemand - am besten der Veranstalter der Besucherschule - exemplarisch die Hervorbringung eines Aussagenzusammenhangs leistet und damit auch demonstriert, daß Aneignung gelingen kann.
Auf solches beispielhaftes Vorführen hat sich die Besucherschule zu beschränken.

Redaktion:
Haben Sie anläßlich der Besucherschule Erfahrungen sammeln können - z.B. durch Rückmeldungen der Besucher - über die Wirkungsweise und den Erfolg der Veranstaltungen? Auf welche Zielgruppen ausgerichtet und mit welchen Intentionen haben Sie das gemacht?

Brock:
Ich habe inzwischen ja eine ganze Reihe von Besucherschulungen absolviert. Ich bin aufgrund dieser Erfahrungen in meinem Urteil sicher, daß es für die Ansprache von Besuchern keine Beschränkung gibt. Selbst Bauern der Wilstermarsch sind auf Probleme der heutigen Kunst unmittelbar ansprechbar. Das habe ich bewiesen. Man darf sich nur nicht auf die Attitüden eines Kinderbetreuers einlassen, also so tun, als könne man den Besuchern schwere Brocken unter den Kakao mogeln. Verstehen ist eine Arbeit, das hat man klarzumachen. Aneignung kann nicht als Nachmittagszauber zum Kaffeestündchen verabreicht werden. Die Besucher verlangen nur eines, daß der Vorführende, der Exemplifizierende es ernst meint, daß heißt, daß der Beispielgebende eindeutig zeigt, daß die Probleme, die er behandelt, auch seine Probleme sind, daß sie für die Bewältigung seiner Lebensanstrengung von Bedeutung sind und auf welche Weise er diese Bewältigung leistet.

Redaktion:
Würden Sie bei Sichtung der gegenwärtig relevanten Entwicklungen auf dem Kunstsektor der Aussage des Konzepts der d 6 zustimmen, daß die Medienfrage der Zentralpunkt der beobachtbaren Tendenzen ist?

Brock:
Meiner Meinung nach ist die Medienfrage gegenwärtig nur ein, allerdings gewichtiger Problemaspekt der Künstlerarbeiten. Mir scheint es notwendig, andere Thematisierungen hervorzuheben. Das will ich in der Besucherschule auch versuchen. Diese Thematisierungen stehen nicht im Gegensatz zur Medienfrage, aber sie haben ganz andere Perspektiven. Zum einen sehe ich, daß zahlreiche Künstler langsam begreifen, daß die Leistungen der Avantgarde danach nur zu bemessen sind, inwieweit sie uns ermöglichen, die kulturellen Traditionen anders zu verstehen und anzueignen. Viele heutige Kunstwerke entstanden aus dem Versuch von Künstlern, sich die Kulturtraditionen anzueignen. Zweitens scheint mir den meisten Künstlern durchaus klar zu werden, daß sie nur zwei Möglickeiten haben, ihre Positionen zu bestimmen. Entweder finden sie sich damit ab, Tautologien zu produzieren, was ja auf höchstem intellektuellem Niveau auch die Mathematik tut: d.h. willkürliche Setzungen vorzunehmen und diese anhand vorgegebener Spielregeln durchzuexerzieren, ohne daß das Resultat von Bedeutung zu sein hat. Oder aber es bleibt den Künstlern, heute radikal die Frage nach dem Entstehen von Bedeutungen zu stellen und die bisherigen Selbstverständlichkeiten auf diesem Gebiet aufzugeben, wie das in einzelnen wissenschaftstheoretischen Bemühungen bereits geschieht. Wie entsteht die Bedeutung, hieße nach meinem Dafürhalten die zentrale Fragestellung an die heutige Kunst. Zu dieser Frage arbeiten ja in der Tat schon Künstler mit Erfolg.

Redaktion:
Anläßlich der d 5 sprachen Sie von einem objektivierenden und einem inszenierenden Mediengebrauch. Es scheint, als sei der erste Aspekt in der offiziellen Sichtung der Kunstproduktion erheblich unterrepräsentiert. Liegt das daran, daß in dieser Hinsicht einfach weniger gemacht wird oder liegt das an den Auswahlkriterien?

Brock:
Die Unterrepräsentanz des objektivierenden Gebrauchs der Medien hängt tatsächlich mit der Tatsache zusammen, daß weniger Künstler sich zutrauen, einen solchen objektivierenden Gebrauch von ihren Bilderzeugermedien zu machen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, daß noch viel weniger Künstler tatsächlich einen erkenntnisstiftenden Gebrauch von ihren Bilderzeugermedien zu machen wissen. Dazu lese man doch jetzt nochmals die Besucherschule im Katalog der d 5 nach.

Redaktion:
Man hat dem audiovisuellen Vorwort vorgeworfen, daß es zu großen Wert auf die Realitätsabbilder wie jene der Neuen Realisten gelegt hat und daß z.B. die individuellen Mythologien stark unterrepräsentiert waren. Waren diese mit dem Konzept der d 5 eigentlich adäquat erfaßbar?

Brock:
Vonseiten der Presse oder vonseiten der d 6-Macher hört man genau das Gegenteil: daß nämlich die individuellen Mythologien besonders betont worden seien, zumindest in der Ausstellung. In der Besucherschule mögen die Mythologien tatsächlich zu kurz gekommen sein. Das liegt doch wohl daran, daß ich den Leistungen der individuellen Mythologen nicht recht trauen kann, Die interpersonale Geltung scheint mir schwer herstellbar, wenn Mythologien nicht tatsächlich Weltbildkonstruktionen durchgängigen und einheitlichen Charakters sind und zudem noch von Gruppen getragen werden. Mir scheinen die individuellen Mythologen schlechte Weltbildkonstrukteure gewesen zu sein,

Redaktion:
Der Sektor "Spurensicherung" der d 6 bildet gewissermaßen die Fortsetzung der individuellen Mythologien der d 5. Man kann bezugnehmend auf ihre Unterscheidung des Mediengebrauchs sagen, daß hier mit objektivierendem Schein inszenierend vorgegangen wird. Wie läßt sich das einordnen?

Brock:
Die Spurensicherung kann äußerst leistungsfähig sein, wenn sie sich darauf beschränkt vorzuführen, wie ein einzelner Mensch im Hinblick auf seine Versuche, sein Leben als Zusammenhang zu begreifen, vorgeht. Wer sich da auf das scheinbare Nachäffen von Wissenschaften einläßt, zeigt schon, daß er nichts verstanden hat. Man hat den wissenschaftlichen Arbeitsgängen schon doch gerecht zu werden, wenn man sich auf sie bezieht. Aber dazu ist ja ein Spurensicherer nicht gezwungen.
Im Ganzen: sich selbst zu einem Fall zu machen, muß heute als eine soziale Tugend angesehen werden. Man muß sich schon selber so ernst nehmen, wie man die Fälle der Wissenschaften und Künste und Literaten ernst nimmt. Die Hamlets im Parkett sind die eigentlichen Bühnenfiguren des heutigen Künstlers, der gute Arbeit leistet, wenn er die Menschen dazu anhalten kann, sich selbst gegenüber soviel Aufmerksamkeit und Überlegungen und Vorstellungskraft aufzubringen, wie man sie dem Hamlet auf der Bühne ohne weiteres entgegenbringt.

Redaktion:
Das Medienkonzept betont den Stellenwert einer Mediengrammatik. Würden Sie sagen, daß für die d 6 in Frage kommende Kunst tatsächlich unter Berücksichtigung einer Mediengrammatik entstanden ist und/oder mit diesem Instrumentarium adäquat beschreibbar?

Brock:
Eine selbständige Grammatik der Bilderzeugermedien kann es nicht geben. Aus Gründen frühkindlichen Spracherwerbs sind für jeden Menschen Bildkomplexe und Text immer als Einheit zu gewärtigen. Die Grammatiken der Vergegenständlichungen insgesamt wären, selbst wenn man sie schreiben könnte, uninteressant, da es ja nicht auf die materialen Vergegenständlichungen ankommt, sondern auf die Bedeutung, die an die Vergegenständlichung geknüpft oder durch sie hervorgebracht werden können. Und diese Bedeutungen sind eben nicht nach bloßem Regelvollzug zu erzeugen, sondern mit Vergegenständlichungen zu exemplifizieren,

Redaktion:
Welche logischen Folgen hat es eigentlich, wenn bei objektivierendem Mediengebrauch Kunstproduzenten sich auf eine Welt beziehen, in der die Medien eine so wichtige Rolle spielen und die selbst fast ausschließlich medial vermittelter Wahrnehmung zugänglich ist?

Brock:
Die Bedeutung der Kenntnis der Mediencharaktere liegt darin, daß man den Wirklichkeitsanspruch von Bildern abzuschätzen weiß, wenn man über solche Kentnisse der Medienleistungen verfügt. Gerade, weil wir immer nur medial vermittelt wahrnehmen können, müssen wir den Wirklichkeitsanspruch von Bildern und Texten abschätzen lernen, damit wir nicht gezwungen sind, jedem Anspruch uns auszuliefern.

Redaktion:
Objektivierender Mediengebrauch zielt ja auf ein Interesse des Betrachters am Gegenstand der Abbildung. Ist, so gesehen, die Bevölkerung selbst als Reservoir der potentiellen Rezipienten hinreichend beteiligt am Zustandekommen von Ausstellungen wie der documenta, sollte sie stärker beteiligt werden und wie könnte das erreicht werden?

Brock:
Die "Bevölkerung" kann sich nur in einer Form sinnvoll am Zustandekommen von Ausstellungen beteiligen, neben der Art und Weise, in der sie bereits beteiligt ist, nämlich durch den Besuch der Ausstellungen - die Bevölkerung, oder Teile, Gruppen wie Einzelne hätte möglichst weitgehende Fragestellungen an Künstler und Vermittler zu richten und dann die Bereitschaft zu zeigen, die Antworten auch anzuhören. Akzeptieren muß man diese Antworten ja nicht.