Pan - Zeitschrift für Kunst und Kultur. 5/1990

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Warum sie versagt haben

Bazon Brock zum Rückzug von Kunstvermittlern wie Paul Maenz und Harald Szeemann aus dem Kunstbetrieb

Was ist los mit unseren so großartigen Ausstellungsmachern, Kunstvermittlern, Starregisseuren? Lähmung und Resignation, wo man hinguckt. Könnte es sein, daß die Größe und Einmaligkeit des historischen Umbruchs im Osten den bisherigen Lautsprechern der Künste die Sprache verschlägt? - Denkste. Mit Szeemanns Veteranentreffen im Hamburger Bahnhof zu Berlin wurde die Misere deutlich sichtbar. Selbst die bedeutendsten Ausstellungsmacher (und zu denen gehört Szeemann zweifellos) kneifen den Schwanz ein, verschanzen sich hinter Positionen, die ihnen, wie vielen anderen, einstmals lieb und teuer waren. Sie wagen sich nicht mehr ins neue Gelände vor. Und warum? Nicht etwa, weil sie nach so vielen Herkulestaten erschöpft sind oder es einfach satt haben, sich mit Leih- und Sinngebern herumzuschlagen. Nein. Sie behaupten schlichtweg, daß es sich nicht mehr lohne, weiterzumachen. Beispielhaft erklärte jüngst Paul Maenz seinen Rücktritt als Kunsthändler und Kunstvermittler; das Echo in der Presse war gewaltig. Endlich, so hieß es, sage mal jemand mit aller Offenheit und mit allen Konsequenzen dem Kunstzirkus die Meinung. Maenz beklagt, daß sich keine Vermittlungsarbeit mit Überzeugung mehr leisten ließe, weil es keine Mission mehr gäbe, der man sich unterwerfen könne. Die Avantgarde sei nicht mehr vorhanden; Sein und Schein, Kunst und Leben seien ununterscheidbar geworden; an die Stelle politischen und sozialen Vorkämpfertums sei das Marketing getreten, die Kunst zur Ware geworden; alle moralischen Kriterien seien verspielt Das klingt so, als sei damit wirklich etwas Bedeutendes über die gegenwärtigeSituationgesagt. Wer wollte leugnen, daß kommerziell spekulative Interessen selbst die weltfernsten Kunstliebhaber noch beeinflußen! Wer hätte nicht erfahren, daß man einen klugen und richtigen Gedanken, respektive ein solches Konzept, nur an den Mann bringen kann, wenn man bei dessen Bedürfnissen ansetzt? Und wer hätte nicht schon bei der 180. Begegnung mit den Skulpturen von Carl Andre vor sich hingemurmelt, "dem Kerl fallt auch nichts mehr ein"? Das ist alles völlig richtig, hat nur mit der gegenwärtigen Sitation überhaupt nichts mehr zu tun. Mit den gleichen Argumenten hätte Paul Maenz zu Beginn seiner Karriere in den Sechzigern und seither mit schöner Regelmäßigkeit sich aus der Szene und dem Geschäft zurückziehen können. Diese Argumente sind so alt wie die moderne Kunst. Ohne es zu merken, gibt Maenz das selbst zu verstehen: Er meint pathetisch, in den Sechzigern sei ihm Rudi Dutschke wichtiger gewesen als Joseph Beuys, und jetzt meint er, der große Umbruch in Mittel- und Osteuropa sei die neue Kraft und der neue Weg und nicht mehr die Kunst. Warum, um Himmels willen, ist Maenz damals nicht dem Beispiel Dutschkes gefolgt, und warum folgt er heute nicht dem Ruf des Ostens? Dorthin will er zwar, wie er sagt, wenigstens bis Dresden oder Leipzig, wenn nicht bis Krakau oder Wilna. Was aber hofft er dort tun zu können? "Education statt Kommerz", also Kunstpädagogik statt Machtkampf, Wahrnehmungsschulung und Geschmacksbildung anstatt Massenunterhaltung und Kulturkonsum. Um Himmels willen, wenn das auch nur halbwegs ernst gemeint ist, dann könnte Maenz ja nirgends so sinnvoll arbeiten wie hier; denn seit Jahren wird eben diese Arbeit hier eingefordert; welchen Sinn sollte es machen, den Osten mit Hilfe von Paul Maenz genau dahin zu entwickeln, wovor er hier flieht? Wenn es aber eine andere Entwicklung geben könnte, warum will er sie und warum kann er sie dann nicht im guten alten Kunstwesen durchsetzen, hier, wo die Voraussetzungen für erfolgreiche Arbeit viel besser sind. Nein, da ist der Drehwurm drin, in den Köpfen und in den Argumenten. Die verdienstvollen Veteranen igeln sich ein oder sehnen sich ins östliche Abseits, weil sie es endlich wieder einmal genießen möchten, daß jemand ihren Rat und ihre Orientierungshilfe einholt, daß sie und die Künstler für die großen, ahnungsvollen Seher und Bescheidwisser gehalten werden, denen der Rest ehrfurchtsVoll, aber verspätet nachfolgt. Diese Selbsteinschätzung von Künstlern und Kunstvermittlern als Avantgardisten war schon vor 100 Jahren anmaßend und wirr. Daß jemand wie Maenz an sie noch bis vor kurzem geglaubt haben soll, spricht kaum für seine historischen Kenntnisse oder analytischen Fähigkeiten: Man sieht, wie wichtig auch hier "Education statt Kommerz" wäre.