Klaus Staeck – Rückblick in Sachen Kunst und Politik

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes
Mit Texten von: Georg Bussmann, Dieter Adelmann, Bazon Brock, Iring Fetscher, Walter Jens und Rainer Diederich. Ausstellung u. Katalog: Georg Bussmann. Kataloggestaltung: Bernd Bexte.

Seite im Original: 53

Das Prinzip der Affirmation

Das kurze Textchen 'Affirmation als politische Strategie' von 1966 muß ebenso wie die affirmativen Aktionen dieser Zeit von heute aus als Versuch gewertet werden, unter den damaligen Formen gesellschaftspolitischer Auseinandersetzung mein bis dato nur in der ästhetischen Praxis geübtes Prinzip der Affirmation explizit als politische Strategie anzubieten. Bereits damals wurde deutlich, daß die wie immer wünschenswerten gesellschaftspolitischen Zielsetzungen von Studenten und anderen Gruppen mit Hilfe des Widerstandsprinzips nicht wirkungsvoll vertreten werden konnten. Ich spürte, wie sicherlich auch andere, daß Widerstand durch Neinsagen nicht ausreichend gekennzeichnet ist.
Die Gründe dafür liegen und lagen nicht in der Tatsache, daß zu wenig Machtpotential zur Verfügung gestanden hätte. Vielmehr schien mir auch bei der machtvollsten Durchsetzung von gesellschaftspolitischen Zielsetzungen der Zusammenhang nicht hinreichend bedacht, in dem das jeweils neu Durchzusetzende zum bisher Gegebenen stand. Die sprichwörtliche Frage "Wo bleibt das Positive?" mußte bei aller zutage liegenden Unzulänglichkeit der Formulierung ernst genommen werden: Jeder Widerstand gegen und jede Verneinung von zugemuteten Gegebenheiten wird zwar von positiven Gegenvorstellungen getragen; aber diese Gegenvorstellungen schienen allzu sehr eine bloße spiegelbildliche Umkehrung, eine Gegenwelt zum negierten Gegebenen zu sein. Über die Frage hinaus, ob man jemals und unter welchen Opfern in die Gegenwelten umsteigen könne, mußte zunächst geklärt werden, wie man im konkreten einzelnen Fall und ohne Berufung auf eine ganz andere Welt überhaupt mit dem Prinzip des Widerstands operieren kann. Dazu am besten ein Beispiel aus der heutigen Situation heraus:

Was heißt heute, gegen die Pläne zur Errichtung von Atomkraftwerken Widerstand zu leisten? Unbestritten ist ja wohl, daß dieser Widerstand begründet werden muß. Als Begründung reicht nicht hin, darauf zu verweisen, daß diese Pläne ohne Befragung der Bürger und ihrer Abgeordneten von Machtinhabern durchgesetzt würden. So haben etwa in einem Experiment durchgespielte Beteiligungen von Arbeitern der Atomindustrie gezeigt, daß die Arbeiter nicht anders entschieden hätten als die Direktoren der Elektrizitätswerke oder die Regierungschefs. Die Auseinandersetzung um die Errichtung der Atomkraftwerke kann nicht als eine Auseinandersetzung zwischen Befürwortern und Gegnern geführt werden, da zum Beispiel der Verdacht auf bloße Durchsetzung persönlicher Interessen bei Befürwortern wie Gegnern gleichermaßen vorzubringen ist.

Mir scheint der Kampf von Gegnern und Befürwortern im Grunde auch gar nicht auf eine solche Auseinandersetzung von Machtpotentialen angelegt zu sein. Tatsächlich wird, wenn auch durch die Widerstandsideologie verhüllt, die Auseinandersetzung genau in dem Sinne geführt, in dem auch die Entscheidungen der Kraftwerksdirektoren und der politischen Exekutive gefallen sind. Für diese Entscheidungen sind im wesentlichen drei Begründungen ausschlaggebend:
1. Atomstrom ist billiger als jede andere Energie;
2. Atomkraftwerke sind umweltfreundlicher als alle anderen Kraftwerke;
3. Atomstrom macht unabhängig vom Diktat der Ölproduzenten.

Der Widerstand gegen die Errichtung der Atomkraftwerke kann nur geführt werden, indem man diese, von den Kraftwerkerbauern und der politischen Exekutive vorgegebenen Entscheidungsbegründungen gelten läßt, ja sogar auf ihrer Geltung ausdrücklich besteht. Es läßt sich dann wie bekannt nachweisen, und zwar mit gleicher wissenschaftlicher Stringenz, wie sie die Entscheider für sich in Anspruch nahmen, daß Atomstrom weder billiger noch umweltfreundlicher ist und schon gar nicht von internationalen Monopolen unabhängig macht.

Tatsächlich verdankt sich ein effektiver Widerstand der Positivität der Entscheidungsbegründungen. Es wurde also im Grunde nicht nach dem vermeintlich klassischen Modell des Widerstands durch Negation gehandelt, das sich historisch an absolutistischen oder totalitären Systemen entwickelt hat. Demokratien sind dadurch gekennzeichnet, daß Entscheidungen von Funktionsträgern mit Verweis auf grundgesetzlich verankerte politische und moralische Handlungsmaximen und -werte begründet werden müssen, wobei einzelne Bürger wie Gruppen das Recht haben, die Entscheidungskriterien vorgelegt zu bekommen.

Diesen Zwang zur Positivität im Widerstand gegen Entscheidungen, diese Verpflichtung, Entscheidungsbegründungen nicht von vornherein abzulehnen, sondern sie erst an den Handlungsresultaten zu messen, wollte ich mit dem Begriff der Affirmation erfassen. Den Begriff Affirmation zu verwenden, ist aber heute anrüchig, weil man sich allseits dazu versteht, mit Affirmation nichts als platte Zustimmung, Einverständnis mit den Verhältnissen zu meinen.

Ich verwende den Begriff anders. Anders auch als die Logik, die darunter die Behauptung einer wahren Aussage faßt. Ich folge einer nicht expliziten Tradition der Philosophie, die noch am deutlichsten in der Maxime BACONs "Natura non nisi parendo vincitur" oder in der MARXschen Sentenz durchkommt: "Man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt."

Man hat also zunächst die Rechtfertigungen, das erklärte Selbstverständnis, die politischen und kulturellen Programmatiken Einzelner wie die von Gruppen als das hinzunehmen, als was sie ausgesprochen werden. Man hat sie vor allem ernst zu nehmen, anstatt sie von vornherein als ideologischen Schein abzuqualifizieren.

Affirmative Strategie konfrontiert das explizite Selbstverständnis, die Handlungslegitimationen von jemand, der einen Aussagenanspruch erhebt, mit der tatsächlichen Konsequenz seines Handelns. Dabei wird in der Regel ein erheblicher Widerspruch aufzudecken sein. Aus dieser Konfrontation folgt dann entweder die Aufgabe der offensichtlich falschen Handlungslegitimationen oder eines Selbstverständnisses, oder aber es folgt daraus eben ein anderes Handeln.

Die Konfrontation von Handlungslegitimation und Handlungskonsequenzen beginnt man am besten damit, daß man den sich Legitimierenden nachdrücklich beim Worte nimmt, indem man ihn darauf verpflichtet, seinen Aussagen zufolge auch zu handeln, indem man ihm also versichert, daß es nicht um die Abweisung seiner Aussage als bloß ideologischer geht, sondern gerade um ihre Durchsetzung. Wie man ein solches Beim-Wort-Nehmen bewerkstelligt, um jemand den Widerspruch zwischen den Legitimationen und den Konsequenzen seines Handelns zum Bewußtsein zu bringen, demonstriert anschaulich die international geschätzte Figur des EULENSPIEGEL.

Dessen häufig für bloßen Jux gehaltene Verfahren sind bisher nur in einem guten Teil der ästhetischen Praxis (vgl. etwa meine 'Aktionen zur Verkommenheit des deutschen Bewußtseins' oder Klaus STAECKs Plakatierungsaktionen) ernst genommen worden. In der Psychotherapie werden sie gerade erst entdeckt (vgl. etwa WATZLAWlCKs Verfahren der Symptomverordnung). In der Wissenschaftstheorie stellt das Werk von FEYERABEND noch eine solche extreme Außenseiterposition dar. In der Literatur sind Science-Fiction-Autoren, die die affirmative Strategie zur Entfaltung möglicher Zukünfte aus gegenwärtigen Entwicklungen einsetzen, immerhin schon viel gelesen, wenn im Hinblick auf die Strategie auch kaum verstanden.

Affirmation als umstandslose Zustimmung, als Jasagerei zu kennzeichnen, scheinen wir der MARCUSE-Rezeption zu verdanken. Jedenfalls beruft man sich allgemein bei solchem Begriffsgebrauch auf dessen Äußerungen über die affirmative Kultur. Da MARCUSE in den zurückliegenden Jahren auf die politische Öffentlichkeit einen nicht geringen Einfluß als Begriffsbildner gehabt hat, schien es unmöglich, für die Überlegungen zur affirmativen Strategie in der Politik Gehör zu finden. Daran änderten auch Beispiele für die erfolgreiche Anwendung dieser Strategie nichts (wie etwa der Widerstand gegen den § 218 in Form von Selbstanzeigenkampagnen oder die übliche affirmative Taktik des 'Dienst nach Vorschrift'). Vor allem ließen sich nicht die verschiedenen Ausformungen dieser von mir aus der ästhetischen Praxis entwickelten Affirmationsstrategie plausibel machen: Affirmation als erkenntnistheoretische Methode im Denk- und Laborexperiment; Affirmation als gesellschaftspolitische Strategie oder auch nur Taktik, und zwar als Normenkontrolle wie als politisches Realexperiment.

Selbst MARCUSE konnte in späteren Jahren die Art, wie man seinen Begriff 'affirmative Kultur' verwendete, nicht korrigieren. So bleibt immer noch zu betonen, daß das gesellschaftliche Leben den Widerspruch des bloßen Neinsagens von ganz alleine produziert – sei es aus Machtkonflikten und Interessengegensätzen, – sei es, daß die allseits vertretene Vorstellung von dem beständigen Fortschritt die marktbedingte Negation der jeweils vorausgehenden Produktionsserien erzwingt. Der Geist, der stets verneint, ist lebendiger, als es einem lieb wäre. Wenn Affirmation nicht als aufgezwungenes Stillhalten und als ohnmächtiges Verharren im Gegebenen verstanden werden soll, sondern als gewollte Zustimmung, die darauf besteht, daß ein vertretener Anspruch auch eingelöst wird, dann zielt Affirmation nicht auf Bestandssicherung, sondern Ausschöpfung der Möglichkeiten.

Die Konstruktion von möglichen Parallel– und Gegenwelten zu den uns heute gegebenen ist nach wie vor bedeutsam als Begründung von Kritik, um die gegebenen Verhältnisse gerade nicht als historisch gesetzmäßige gerechtfertigt sein zu lassen. Die möglichen Gegenwelten können aber nicht über eine Anspruchsformulierung hinaus als Entwicklungsstrategie verwendet werden; für sie ist der Graben zwischen Möglichkeit und Gegebenheit unüberbrückbar. Die gegebenen Verhältnisse weiterzuentwickeln, verlangt einen Möglichkeitssinn, der das im Gegebenen Mögliche aufspürt, also auf die Diskrepanz zwischen Handlung und Legitimation verweist. So würde es tatsächlich eine radikale Weiterentwicklung unserer gegenwärtigen westdeutschen Lebensverhältnisse bedeuten, wenn das Grundgesetz mit seinem großen Möglichkeitshorizont tatsächlich von politischen und sozialen Handlungen eingeholt und nicht nur zur Rechtfertigung von Handlungsresultaten herangezogen würde, wenn diese Handlungsresultate gar nicht aus der Absicht entstanden sind, das Grundgesetz zu verwirklichen.

Aus dieser Auffassung ließe sich auch begründen, daß Künstlern und Intellektuellen nicht abverlangt werden sollte, immer neue mögliche Gegenwelten und Parallelwelten zu entwickeln. Sie sollten sich vielmehr auf das Herausarbeiten und Darstellen solcher Diskrepanzen auf der Ebene des konkreten Alltagslebens konzentrieren, die der Normalbürger im Vollzug des Alltags in dieser Deutlichkeit nicht wahrnehmen kann oder will. Diese Darstellungen werden dabei gewisse antizipatorische Momente enthalten, die sich aus dem konsequenten Zuendeführen eines Anspruchs ergeben, also aus dem Aufheben der Diskrepanz zwischen Handeln und Legitimation.