Winfried Baumann – Arbeiten 1986-1989

Winfried Baumann: Arbeiten 1986-1989
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Gott als Müllgift: Kathedralen für die neue Wirklichkeit!

Es gibt zwei prinzipielle Haltungen von Künstlern gegenüber ihrer Zeit. Sie können ihre kulturelle Produktion als Gegenbild zum Zustand und den Erscheinungsformen der Gesellschaft konzipieren, in der sie leben, oder aber mit ihrer kulturellen Produktion in diesen Zustand eingreifen, damit es den Zeitgenossen möglichst schwerfällt, diesen Zustand zu verdrängen.

Winfried Baumann gehört zum letzteren Typ, wobei die Radikalität seiner Haltung und hoffentlich auch die Wirkung seiner Arbeit von der Formkraft getragen werden, über die er als professioneller Künstler, Bildhauer und Architekt in so großem Maße verfügt.

Als Zeitgenossen ist Baumann klar, daß die entscheidenden Probleme der Konsumgesellschaft durch unsere Unfähigkeit entstehen, mit dem Abfall und den zerstörerischen Konsequenzen von Produktion und Konsum fertig zu werden.

Gerade das aber, womit wir nicht fertig werden und was sich unseren Wünschen nicht fügt, definiert unsere Wirklichkeit. Womit wir nicht fertig werden, das macht uns Angst, und was uns Angst macht und als übermächtige Wirklichkeit unser Schicksal jenseits aller individuellen Anstrengungen bestimmt, das müssen wir rituell zu bannen versuchen.

Solche Ritualformen entwickelte die Kultur auf unterschiedlichen Ebenen; am bedeutsamsten war diejenige, die als Sakralarchitektur den Gott, die Götter, die Geister und die Ideen ins Gehäuse, in den begrenzten Bezirk zu zwingen versuchte.

Der Dämon unserer Zeit scheint sich nirgend so übermächtig und so wirkungsbestimmend zu zeigen, wie in der Verwandlung der Welt in eine lebensfeindliche, unkontrollierbare, mondtote Deponie.

Diesem Dämon, also unserer aller Besessenheit, baut Baumann Kathedralen, damit der Geist, der uns vermüllt, sich vielleicht doch noch zwingen läßt, einen Teil seiner Macht an uns abzutreten und wir im Gegenzug uns bereitfinden, den Müll und das Gift als unsere Schicksalsmacht anzuerkennen und ihnen die höchste Aufmerksamkeit zu widmen.

Anbetung war schon immer höchste Form der Selbstvergewisserung des Menschen über sein Schicksal. In dieser Hinsicht unterscheiden sich für den Künstler Gott und Müll nicht.

Das Überzeugende an Baumanns formalen Konzeptionen (seien es die Vorschläge für die Gestaltung der Abfallbeseitigungsanlage Atzenhof, oder die für die architektonische Neuformulierung des Regierungsviertels in Bonn, seien es die für die Gestaltung eines Altars in einer ruinösen (!) gotischen Kathedrale, oder die von Restauranttischen für schwermetallvergiftete Fresser) liegt in der Synthese von technischer Funktionstüchtigkeit und psychodynamischer Symbolbildung. Dabei hat Baumann zum Beispiel für den Entwurf der Abfallkathedrale nicht nur tradierte Formensprachen ägyptischer Pyramiden und Flugzeughangars addiert. Der Anklang an diese Formen ist gewollt und wünschenswert (monumentale Sakralbauten waren immer auch von neuen technischen Meisterleistungen abhängig); meines Wissens aber hat bisher kein anderer Künstler zu solchen Architekturkonzepten wie Baumann gefunden. Zweifellos sind diese Konzepte aus seiner Arbeit als Bildhauer entstanden; sie sind aber keineswegs nur monumentalisierte Skulpturen. Von ihrer Symbol- und Formkraft sind sie eigenständig projektierte Visionen, die meiner Ansicht nach zum ersten Mal die Heiligkeit des unser Menschenschicksal bestimmenden Mülls, des Gifts und der Strahlung erfahrbar werden lassen.

Mit Hinweis auf Baumanns Konzepte für die Kathedralen des Abfalls können wir uns endlich auf unsere entscheidende Kulturproduktion, nämlich die von Tod und Verderben, in unseren Städten einlassen; wir brauchen den tödlichen und deswegen anbetungswürdigen Dreck nicht mehr in lebensfernen Gegenden unter die Erde zu verbannen oder durch allgegenwärtige Verteilung zu minimieren, das heißt zu versuchen, ihn unsichtbar werden zu lassen. Je schneller wir uns aber zu der tödlichen, schicksalbestimmenden Wendung unserer eigenen Werke gegen uns selbst bekennen, indem wir den selbsterzeugten Tod in Kathedralen bannen, desto begründeter wird die Hoffnung, daß sich die strafenden Götter noch einmal besänftigen lassen.