Vertigo. Schwindel der modernen Kunst

Jeannot Simmen: Vertigo. Schwindel in der modernen Kunst | München: Klinkhardt & Biermann, 1990.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 7

Vorwort Bazon Brock

Jeannot Simmen konfrontiert uns mit einem bisher wenig bekannten Zeitzeugen der Kunst. mit Sir Isaac Newton. Denn dessen Entdeckung der Schwerkraft begleitet in unausgesprochener Weise alle künstlerische Arbeit, deren Fundament die menschliche Orientierung in Raum und Zeit ist - gelte es nun der Orientierung in Anschauungs- oder Vorstellungsräumen, im kalendarischen Zeitkontinuum oder in der punktuellen Erlebniszeit. Welche fundamentale Bedeutung der Schwerkraft für unsere Wahrnehmung zukommt, belegt die Tatsache, daß wir für diese Kraft ein eigenständiges Sinnesorgan besitzen; unser Gleichgewichtsorgan dominiert sogar alle anderen Sinnesorgane. Erstaunlicherweise wurde das Vestibularium erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entdeckt und in seiner Reaktion auf die Schwerkraft zum Problem erhoben. Wahrscheinlich mußte erst mit den verschiedenen Beschleunigungs-Erfahrungen der modernen Zivilisation die vermeintliche Stabilität unserer Standpunkte und Positionen kritisch überfordert werden, bevor erkannt werden konnte, daß grundsätzlich alle Formen unserer Weltorientierung vom balancierten Gleichgewicht abhängen.

Damit werden aber die kulturell entwickelten Orientierungsschemata in bisher nicht abschätzbarer Weise neu zu bewerten sein. So basierte beispielsweise die Entgegensetzung von kulturlicher und natürlicher Weltorientierung auf der sinnfälligen Behauptung, in der Natur gebe es keine rechten Winkel. Das naturevolutionär, unter den Bedingungen der geltenden Schwerkraft entwickelte Gleichgewichtsorgan des Menschen erzwingt aber die Vertikal/Horizontal-Koordinaten und damit auch die rechten Winkel; sie sind also keineswegs eine kulturelle Leistung. Obwohl niemand auch nur den wesentlichen Teil der kunstgeschichtlichen Literatur übersehen kann, darf man doch wohl behaupten, daß Kunsthistoriker und Kulturgeschichtler dem von Jeannot Simmen vorgestellten Problem bislang kaum Bedeutung beimaßen. (Rare Ausnahmen, die allerdings nicht mit der Schwerkraft oder mit der Funktion des Vestibulariums argumentierten, sind Studien zur taumelnden Arkatur der Gotik, zur manieristischen Disproportionalität oder zu den barocken Sturzfiguren.) Speziell die Kunst- und Kulturgeschichte der Moderne wird zu einem erheblichen Teil umgeschrieben werden müssen, wenn Architekturen, Gemälde und Skulpturen, Theater und Tanz, die Omnipräsenz von Eisenbahn, Automobil, Flugzeug und die der elektronischen Kommunikation in ihrer Abhängigkeit vom menschlichen Schwerkraft-Organ verstanden werden sollen.
Das Verhältnis von Statik und Dynamik, der Zustand von Stabilität als Fließgleichgewicht, von oben und unten, links und rechts, kurz: die Gesamtheit unserer Anschauungsbegriffe, die wir bisher gegenüber den Kulturprogrammatiken der Moderne in Anschlag brachten, werden entscheidend verändert werden müssen. Denn Fliegen, Stürzen, Schweben sind unter den von Simmen beschriebenen Auswirkungen der newtonschen Entdeckung nicht mehr ein bloßes kontrafaktisches Postulat oder eine Ausgeburt von Phantasien traumhafter Willkür, sondern zwingende Konsequenz der kosmischen Wirkgröße »Schwerkraft«.

Hierin widerspricht Simmen auf bedeutsame Weise den Arbeiten von Virilio, Baudrillard oder Sloterdijk; Simmen zeigt, daß selbst die raffiniertesten Raum- und Zeitsimulationen mit elektronischen Medien keineswegs zur beliebigen Simulationkoordinaten loser Befindlichkeiten in der Welt führen. Denn Schweben, Stürzen, Fliegen sind Simmen zufolge gerade Thematisierungen der Schwerkraft und unserer auf ihr beruhenden Weltorientierung. Die Moderne kündigt diese Bedingungen nicht auf (ebensowenig wie die Raumfahrt die Gesetze der Schwerkraft aufkündigt); ganz im Gegenteil: erst im Zustand des Stürzens oder Schwebens, der Desorientierung und Ortlosigkeit setzt sich die Schwerkraft als natürliche Basis aller menschlichen Operationen ins Recht.

Ließen wir uns mit Simmen als Kunsthistoriker, Ästhetiker und Kulturgeschichtler auf die Bedeutung der newtonschen Entdeckung für unsere Kultur ein, dann würden wir nicht mehr krampfhaft versuchen, die Surrealität, Irrationalität, traumhafte Phantasmagorie der Künstler wie der Alltagsmenschen zu realitätsflüchtigen Gegenwelten der Empirie, Rationalität und Logik des Diskurses zu hypostasieren; sie wären nicht länger kulturelle Fluchten durch Raum und Zeit, sondern »natürliche Ansichten« jeweils notwendiger Standpunkte, deren Festigkeit keineswegs verloren geht, wenn man die Standpunkte wechselt.

Bazon Brock,
Wuppertal – Juli 1990