Der SPIEGEL 45/1999

Der SPIEGEL, 45/1999 TARA - Armatur und Archetypus  | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Graffiti sind Menetekel

In einigen hundert Jahren wird sich wohl kaum jemand mehr für den Typus von Graffiti interessieren, den wir heute in unseren Stadtbildern beobachten. Man wird darin keine kultischen Zeichen mehr sehen und erst recht keine heiligen Orte damit bestimmen wollen (wie in Teilen Asiens üblich), denn das würde bedeuten, daß wir unsere Hotdog-Stände als Tempel ausweisen oder ähnliche Örtlichkeiten zu kultischer Bestimmung erheben, also zu etwas, was sie ganz und gar nicht sind.

Wir können es uns im Hinblick auf die heutigen Probleme relativ einfach machen. Ich gehe bei unserer Fragestellung nicht von einer analytischen Durchdringung dieser Zeichen aus, als hätten wir durch Studien herausgefunden, was denn junge Leute dabei denken, wenn sie sprayend durch die Straßen laufen und S- bzw. U-Bahnen mit ihren Zeichen versehen.

Ich sehe dieses Phänomen umgekehrt als etwas an, von dem jeder zu wissen glaubt, was es bedeutet, und bemühe mich, diese Vorurteile wieder loszuwerden. Das heißt, ich versuche, in dieser Sache überhaupt etwas Bedeutsames zu sehen, sie erst einmal als einen problematischen Sachverhalt zu verstehen und zwar im Zusammenhang der Fragestellung von Mythos und Moderne.