Der SPIEGEL 45/1999

Der SPIEGEL, 45/1999 TARA - Armatur und Archetypus  | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Verdammnis der Erinnerung

Graffiti sind Teil der mythischen Moderne, die wir in der Hochkultur der modernen Wissenschaft immer neu reproduzieren. Dies beschreibt sie freilich nur auf einer Ebene. Auf einer anderen Ebene wenden sie sich als aggressive subkulturelle Gesten genau gegen die Hochkultur, mit der ich sie eben in einen Zusammenhang gestellt habe. Sie sind als ostentative Zerstörungsakte eine Form der Liquidation oder, wie das historisch genannt wird, der Damnatio. Wir kennen die Damnatio memoriaevom Beispiel des römischen Kaisers Septimus Severus, der aus der Attika seines Triumphbogens den Namen seines ältesten Sohnes herausschlagen läßt, um damit seine Erinnerung auszulöschen. Solche Stellen der Übermalung, des Herausschlagens, des Wegwischens alter Schichten, des Hineinsetzens neuer Zeichen, solche triumphalen Verdrängungsgesten, Siegeszeichen späterer Epochen, stehen für die Damnatio. Sie ist also kein Unsichtbarwerden, sondern ein Sichtbarwerden des Unsichtbarmachens und des Auslöschens, ein Zeigen des Unterschiedsloswerdens. Ein ganz erheblicher Anteil heutiger Graffitiaktivitäten ist als solche Damnatio memoriae gedacht, als ein Vorgang des Auslöschens von Distinktionen, von Unterscheidungsmerkmalen. Das läßt sich unter anderem daran zeigen, wie sie sich auf die offiziellen Graffiti beziehen. Jede Straßenbahn fährt mit offiziellen Graffiti in Gestalt von Firmenlogos herum. Sie sind offiziell, weil sie bestimmten formalen Kriterien genügen und vor allen Dingen legal sind. Es wurde für sie bezahlt. Genau auf diese Distinktionen beziehen sich die zudeckenden, auslöschenden Graffiti der Subkultur. Auch hier haben wir es natürlich mit Anonymisierung zu tun. Nichts ist so aus löschend wie die Anonymisierung.