„Die kritische Masse“

Film im Untergrund Hamburg '68

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes
  • Verleih: SilverCine, Videovertrieb: absolutmedien
  • Produktion: Bau, Christian
  • Regie: Christian Bau | Kamera: Barbara Metzlaff, Hanno Krieg | Montage: Ursula Höf | Musik: Alfred Harth | Ton: Gisela Schanzenbach | Sprecher: Matthias Fuchs | Tonmischung: Pierre Brand Konken Studios |
  • Mitwirkende: Hellmuth Costard, Werner Grassmann, Helmut Herbst, Andy Hertel, Werner Nekes, Dore O., Kurt Rosenthal, Walther Seidler, Thomas Struck, Bernd Upnmoor, Klaus Wildenhahn, Franz Winzentsen, Klaus Wyborny | Gäste: Bazon Brock, Werner Kließ

Inhaltsangabe

Während in den etablierten Kinos der Hansestadt die Kassenschlager "Zur Sache Schätzchen" und "Doctor Schiwago" laufen, gibt es im Februar '68 in den Kammer-Lichtspielen völlig andere Filme zu sehen: Die erste Hamburger Filmschau präsentiert sich mit einem Feuerwerk wilder Werke. Organisiert von der neu gegründeten Filmcooperative werden handwerkliche Konventionen und Erwartungen des Publikums ignoriert; die Aneignung des Mediums Film, die Neuentdeckung wird gefeiert.

Nur vier Monate zuvor, im Oktober 1967, macht die Gruppe Hamburger Cineasten Furore mit einem Film-In. Kino non stop, drei Tage und Nächte Filme aus dem Untergrund! Zuschauer und Presse drängen sich in ein Ladenlokal in der Brüderstraße, der Produktionsstätte von Werner Grassmann. Umbenannt in Filmmacherei, wird der Ort zum strategischen Mittelpunkt, von dem aus die Welt mit neuen Sehweisen erobert werden soll.

Das Andere Kino, wie es bald genannt wurde, etabliert sich zunehmend. Es sind Filme, die das Kino neu erfinden wollen, sich vom deutschen Heimatfilm und dem amerikanischen Kinoimperialismus meilenweit entfernt haben. In einer Atmosphäre unvoreingenommenen Experimentierens und dem Kontakt zur bildenden Kunst entstehen Filme, die amüsieren und provozieren, die Tabus brechen.
Unverhofft ehrt das Establishment Werner Nekes mit dem Filmpreis-Bambi. Doch die Macher haben anderes im Sinn: "sich mit jedem Film selbst einen Schritt weiterzubringen", wie Hellmuth Costard es formuliert.

Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Sylvester 1967 treffen im belgischen Seebad Knokke die Vertreter des New American Cinema auf die europäische Avantgarde. Neben Filmmachern aus Wien und London, reist auch die Hamburger Gruppe an die belgische Küste. Sie sind beeindruckt von der Freiheit und Hemmungslosigkeit, mit der die amerikanischen Undergroundfilmer zu Werke gehen.

Zurück in Hamburg gründen sie im Frühjahr 68 nach New Yorker Vorbild die erste Filmcooperative Deutschlands, um unabhängig von Filmindustrie und frei von Zensur ihre Filme zu vertreiben. Einfach ist das aufgrund mangelnder Finanzen allerdings nicht. "Man hat nicht gut gelebt, aber man hat frei gelebt", bringt Werner Nekes, von dessen Bettkante die Coop-Geschäfte zeitweilig getätigt werden, die damalige Stimmung auf den Punkt. Es geht nicht um Erfolg und Kommerz. Auf der 1. Hamburger Filmschau ´68 hat ein Film Premiere, der auf den Oberhausener Westdeutschen Kurzfilmtagen zwei Monate später einen Skandal bewirkt: Hellmuth Costards "Besonders wertvoll" kritisiert das neue Filmförderungsgesetz auf besondere Art: Lippensychron zitiert die Öffnung seines Penis eine Rede des damaligen CDU - Bundestagsabgeordneten und Initiator des Gesetzes Dr. Dr. Toussaint und ejakuliert auf die Kameralinse.
Für einige Jahre bilden die Hamburger Undergroundfilmer "Die Kritische Masse", die weit ab vom Jungen Deutschen Film und fern von kommerzorientiertem Kino den Aufbruch starten. - Ein Aufbruch in die Befreiung, die ihnen bis heute erlaubt, kreativ zu sein.

In dem Dokumentarfilm von Christian Bau sind neben vielen ausführlichen Original-Ausschnitten der Filme des Anderen Kinos zahlreiche, bisher unveröffentlichte Fotos und Filmszenen aus dem damals um sich greifenden Amateurformat Super-8 zu sehen. "Alle Macht dem Super-8", "einer Art Guerillawaffe", wie Thomas Struck es ausdrückt.

In Gesprächen mit den Filmmachern wird offenbar, daß sie ihren Ideen bis heute treu geblieben sind. Keiner von ihnen hatte vordergründig Erfolg; alle suchen einen Weg im Dickicht von finanziellen und konventionellen Zwängen und alle haben nach wie vor mit Film zu tun. Nur einer berichtet mit einem strahlenden Gesicht, nun endlich von der Sucht des Filmemachens befreit, endlich clean zu sein.
Schade, denn die Lust, die die Filmausschnitte vermitteln und die Frische, die die Protagonisten ausstrahlen, läßt die Atmosphäre einer Zeit erahnen, deren Kraft in den Helden von damals bis heute lebendig ist.

Dem Dokumentarfilm gelingt es, einen lebhaften Einblick in ein unbeleuchtetes Kapitel kulturpolitischer Geschichte der Hansestadt, in eine wilde, kreative, lebendige Zeitkapsel zu vermitteln. Hamburg als schillerndes Zentrum der Avantgarde.